Papa, can you hear me?

Barbra Streisands melancholische Musical-Komödie „Yentl“

Anfang der 1980er Jahre begann die US-amerikanische Sängerin und Schauspielerin Barbra Streisand ein künstlerisches Großunternehmen: Die Verfilmung der Kurzgeschichte „Yentl“ von Isaac Bashevis Singer, der Geschichte eines tiefgläubigen jüdischen Mädchens aus Osteuropa, dessen Herzenswunsch es ist, sich in die Lehren des Talmud zu vertiefen – was einer Frau nach jüdischem Glauben aber verboten ist. Deshalb gibt sich Yentl als junger Mann namens Anshel aus, und es gelingt ihr tatsächlich, an einer Yeshiva, einer Religionsschule, studieren zu dürfen. Zwischenmenschliche Probleme sind damit natürlich vorprogrammiert, vor allem, nachdem sie sich in Avigdor (Mandy Patinkin), ihren Studier-Partner, verliebt hat. Dieser plant seinerseits, ein Mädchen namens Hadass (Amy Irving) zu heiraten und sieht in Anshel nur den guten Freund – auch wenn er in seiner Gegenwart bisweilen eine seltsame Zuneigung empfindet …

Barbra Streisand schrieb für diese melancholische Komödie nicht nur das Drehbuch (gemeinsam mit Jack Rosenthal), sie übernahm auch die Regie (wofür sie einen „Golden Globe“ erhielt), die Hauptrolle und alle damit verbundenen Gesangseinlagen – der berührende Soundtrack von Michael Legrand (Texte von Alan und Marilyn Bergman) wurde mit einem Oscar ausgezeichnet.

Jahrzehnte nach diesem filmischen Großunternehmen, und umso mehr in Europa, mag man dem oft künstlich-weltfremd wirkenden Genre des klassischen amerikanischen Musicalfilms und seinen aufgesetzten Gefühlsduseleien distanzierter gegenüberstehen, aber was „Yentl“ ohne Zweifel zeitlos faszinierend macht, ist die Geschichte selbst. Denn selten wurde der Konflikt zwischen der Liebe zum Mitmenschen und der Liebe zu religiösen Traditionen so einfühlsam dargestellt.

Da ist das aus religiösen Schriften überlieferte, fest im jüdischen Lebensalltag verwurzelte, „gottgewollte“ Rollenbild der Geschlechter: Demzufolge liegt die Bestimmung der Frau allein darin, dem Mann zu dienen; ihr eigenes Glück ist nur Heim und Herd verbunden; Denken und Studieren ist für sie unnötig, sie dient der Gesellschaft als gute Mutter und fürsorgliche Frau. Sie führt nicht, sondern lässt sich führen; nicht in der Aktivität, sondern in der Passivität liegen ihre Macht und Stärke …

Aber da ist die junge Yentl, die die religiösen Traditionen nicht nur einfach schätzt, sondern sie tiefer ergründen will. Die schon ihren Vater dazu überreden konnte, sie heimlich in den Lehren des Talmuds zu unterrichten, und die nach seinem Tod nicht bereit ist, ihr existentielles Bedürfnis – die Suche nach Wissen und Wahrheit – auf dem Altar fragwürdiger Dogmen zu opfern, alter Überlieferungen, die – wer weiß? – vielleicht nur schlecht übersetzt oder missverstanden worden sind … „Papa, can you hear me?“

Yentl sucht eine Form des religiösen Lebens, in der ihre Fähigkeiten, Wünsche und Sehnsüchte Platz finden, und sie ist ganz sicher, damit nicht gegen den Willen Gottes zu verstoßen, auch wenn andere dies so sehen oder in ihr gar etwas Dämonisches erblicken mögen …

Streisands Film spielt zu Beginn des 20. Jahrhundert in Osteuropa – aber die Rahmenbedingungen sind austauschbar. Den Konflikt, einerseits die überlieferte „reine Lehre“ pflegen, und andererseits der Lebenswirklichkeit gerecht werden zu wollen, gibt es auch heute noch unverändert in religiösen Gemeinschaften überall auf dieser Welt.

Das, was nicht zu den eigenen Glaubensvorstellungen passt, einfach zu dämonisieren oder zu tabuisieren, ist leicht. Doch diese Geradlinigkeit ist auch der direkte Weg zum Fanatismus. Yentl gegenüber kann er letztlich nicht die Oberhand gewinnen, weil sie als Mensch einfach zu intelligent, zu liebenswürdig und zu selbstlos ist. Und so lockt ihr Dasein viele, die ihr begegnen, aus jener seelischen Komfortzone, in der alles einfach richtig oder falsch, gut oder böse, schwarz oder weiß erscheint. 

Könnte es Gottes Wille sein, dass Menschen manchmal sanft dazu gezwungen werden, einen Blick aus dem Fenster ihres farblosen Glaubensgefängnisses zu werfen … hinaus auf die bunte Vielfalt des Lebens?

(1983; 133 Minuten)