„Man darf nicht zulassen, dass Schuld den Weg nach vorn verdüstert!“

Billie Augusts Drama „Goodbye Bafana“

Warum Schwarze und Weiße nicht gleichberechtigt zusammenleben können, will die kleine Natasha (Jessica Manuel) wissen. Sie hat gerade beobachtet, dass einige schwarze Frauen von weißen Polizisten brutal niedergeknüppelt und verhaftet wurden, nur weil sie keinen Personalausweis bei sich hatten.

„Es ist Gottes Wille, mein Schatz“, antwortet Natashas Mutter Gloria (Diane Kruger) liebevoll. Die strikte Trennung von schwarzen und weißen Menschen werde sozusagen im Auftrag des Schöpfers vollzogen. „Er lässt ja auch nicht Spatz und Schwalbe beisammen sein … oder Gans und Ente … oder Kuh und Antilope. Es ist gegen die Natur. Und Gott stellen wir nicht in Frage!“

Gloria Gregory lebt mit ihrer Familie auf Robben Island. Das auf dieser Atlantik-Insel wenige Kilometer vor der Küste Kapstadts errichtete Gefängnis beherbergt einen prominenten Gefangenen: Nelson Mandela (Dennis Haysbert). Und Glorias Mann James (Joseph Fiennes) ist einer der Gefängniswärter, die hier ihren Dienst versehen.

Rassistisches Gedankengut gehört wie selbstverständlich zum weltanschaulichen Hintergrund der Gregorys. Es liefert James auch die Rechtfertigung für seine Arbeit als Leiter der Zensurabteilung im Gefängnis. Rassentrennung ist eine natürliche Ordnung, und die schwarzen Freiheitskämpfer sind allesamt gefährliche Terroristen, die zum Schutz des Staates weggesperrt und von ihren Freuden und Bekannten weitestgehend isoliert werden müssen: Diese einfache „Wahrheit“ prägt den Lebensalltag der Gregorys und macht James zum Helfershelfer jener Machthaber, die sich anno 1963 durch die Aktivitäten des ANC („Afrikanischer Nationalkongress“) existentiell bedroht fühlen und hoffen, die wachsende Anti-Apartheid-Bewegung durch die Inhaftierung und gezielte Demoralisierung ihres wichtigsten Aktivisten, Nelson Mandela (1918–2013), in die Knie zwingen zu können.

Doch, wie die Geschichte zeigt, konnten auch 27 Jahre politische Haft den großen Freiheitskämpfer nicht beugen. 1994 wurde die autoritäre Herrschaft der Weißen in Südafrika beendet, die Rassentrennung war endlich Geschichte – und Mandela der erste schwarze Präsident des Landes.

In seinem sehenswerten Film „Goodbye Bafana“ stellt der dänische Regisseur Billie August aber nicht den Freiheitskämpfer selbst ins Zentrum, sondern eben dessen Gefängniswärter, James Gregory (1941–2003), und er thematisiert dabei vor allem eine bemerkenswerte psychische Metamorphose: Im persönlichen Kontakt zu Mandela erkennt der Aufseher und Zensor nach und nach, dass die einfache Wahrheit, an die er geglaubt hatte, deren vermeintliche Logik ihn und seine Frau durchs Leben getragen hatte, nichts weiter als ein Trugbild war. 

Die Fundamente der eigenen Überzeugung als nicht tragfähig zu erkennen – das gehört wohl zu den größten geistigen Leistungen, deren ein Mensch fähig ist. Wäre dieser Schritt, der aus dem Gefängnis des eigenen Irrglaubens hinaus in die Freiheit führt, einfacher, dann könnten Abwegigkeiten sowohl im politisch-gesellschaftlichen als auch im religiösen Leben viel schneller durchschaut werden. Dogmatiker, Fanatiker, Sektierer fänden schwerer Zulauf. Aber die Konvention, also das, was in einer kleineren oder größeren Gesellschaftsgruppe üblich ist, wird kaum einmal kritisch hinterfragt … vielleicht auch deshalb, weil sich sonst seelisch ein unerträgliches „schwarzes Loch“ auftun könnte …

Auch James Gregory sieht, nachdem er Nelson Mandela schon fast freundschaftlich verbunden ist, einen Abgrund vor sich: Er vermutet, dass Mandelas Sohn einst auf Grund von Informationen, die er als Leiter der Zensurabteilung weitergegeben hatte, gezielt ermordet worden war und trägt schwer an dieser Schuld. Als er sich schließlich offenbart, beruhigt und entlastet ihn Mandela mit Worten, die als zentrale Botschaft des Films gelten könnten, weil sie eine Grundlage für den Frieden zwischen Menschen und Völkern beschreiben: „Man darf nicht zulassen, dass Schuld den Weg nach vorn verdüstert!“

Solche Momente machen Billie Augusts durchweg ruhig erzähltes Drama sehenswert – auch, wenn die historische Wahrheit der Ereignisse umstritten ist; vor allem, ob es eine tiefere Beziehung zwischen James Gregory und Nelson Mandela wirklich gegeben hat.

In seiner Autobiographie erwähnte Mandela Gregory zwar, und er lud den Gefängniswärter auch zu seiner Amtseinführung als Präsident ein, aber der britische Journalist und Mandela-Biograph Anthony Sampson (1926–2004) bestritt, dass es zu einer engeren Beziehung zwischen den beiden gekommen war.

Als Vorlage für das von Greg Latter verfasste Drehbuch zu „Goodbye Bafana“ dienten dennoch vor allem die Memoiren von James Gregory, die unter dem gleichen Titel erschienen sind. 

Demnach ist „Bafana“ der Name eines schwarzen Freundes, mit dem James in seiner Kindheit gespielt hatte. Doch auch diese Kindheitsprägung konnte offenbar nicht verhindern, dass er später rassistische Vorurteile entwickelte und zu seiner Lebensgrundlage machte – bis ihn Nelson Mandela und die Freiheitscharta des ANC eines Besseren belehrten. 

Mit den Worten „Goodbye Bafana“ beendete Gregory sein Buch. Es schießt mit der Schilderung, wie er Nelson Mandela in die Freiheit verabschiedete … einen Freund? 

Jedenfalls einen Menschen, der ihm verziehen hat.

(2007; 140 Minuten)