Die Erfindung die Wahrheit und die Berechnung des Menschen

John Maddens Milieustudie „Miss Sloane“ beleuchtet die skrupellose Welt der Lobbyisten

Überbordender Zynismus, Misstrauen, Menschenverachtung … unbedeutende Begleiterscheinungen, wenn es darum geht, Politiker hinter den Kulissen unter Druck zu setzen und bestimmten Zielen zu verpflichten. Missbrauchte Gefühle, verkaufte Ideale, zerstörte Karrieren … belanglose Kollateralschäden im lukrativen Krieg der Lobbyisten, in dem ein scharfer Verstand und zügellose Eloquenz die besten Waffen sind, und Gewissensbisse jene Ziele in sich selbst, die es zu eliminieren gilt …

Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) ist der Top-Star in der Washingtoner Lobbyisten-Szene: Skrupellos, intellektuell brillant, konsequent auf Hochtouren, gestählt durch Aufputschmittel, unnahbar. Nur dann und wann ein Callboy, der nachts im Hotel ihre Bedürfnisse befriedigt …

Um die Lobbying-Ziele ihrer Kanzlei zu erreichen, tut „Miss Sloane“ (so der englische Originaltitel des Polit-Thrillers) alles. Ihre taktischen Manöver sind ebenso legendär wie ihre Überraschungssiege auch in aussichtslosen Situationen. Genau das hat die Aufmerksamkeit des US-amerikanischen Pistolenherstellers Bob Sanford geweckt. Dieser sieht künftige Geschäfte durch ein drohendes Waffengesetz gefährdet, das den Erwerb von Schusswaffen durch ausführlichere Überprüfungen erschweren soll. Also muss die „Heaton-Harris-Gesetzesvorlage“ vom Tisch; Elizabeth Sloane soll dafür sorgen. Eine Strategie hat der Waffenproduzent bereits ausgeklügelt: Man gründe eine „unabhängige“ (in Wirklichkeit von Bob Sanford finanzierte) Institution, die sich speziell an Frauen richtet und das weibliche Sicherheitsbedürfnis anspricht, das dann mit der schussbereiten Waffe im eigenen Haus am besten befriedigt werden könne …

Doch aus dem Plan wird nichts. Denn Elizabeth Sloane hält die ganze Idee schlichtweg für lächerlich, überwirft sich mit dem Chef ihrer Kanzlei (Sam Waterson) und schlägt sich auf die Seite der Waffengegner, die unter der Führung von Rodolfo Schmidt (Mark Strong) mit wenig Geld gegen eine übermächtige Lobby antreten, die noch dazu die Mehrheit der US-Politiker auf ihrer Seite hat. Und bald stellt sich die Frage, ob sie sich „Miss Sloane“ diesmal nicht doch etwas zu viel zugemutet hat. –

Der vor allem wegen der schauspielerisch großartigen Jessica Chastain sehenswerte Film des britischen Theater- und Filmregisseurs John Madden erzählt eine fiktive Geschichte, über deren Relevanz man diskutieren könnte. Ohne Zweifel jedoch ist Jonathan Pereras dialoglastiges Drehbuch eine gelungene Milieustudie. Nicht unbedingt, was die Waffenlobby hinter den Kulissen der US-amerikanischen Politik anlangt. Vielmehr widerspiegeln die Film-Charaktere im Grunde die ganze Gesellschaft der Macher und Strippenzieher, weltweit. Vielleicht etwas überzeichnet (denn derart pointierte Einzeiler und stakkatoartige Reden gibt’s vermutlich nur im Kino), aber sehr deutlich im Wesentlichen: So lebt es sich, wenn der kalte Verstand regiert, wenn alle Gemüts- und Empfindungswerte auf dem Altar von Erfolg und Macht geopfert worden sind.

Aber eigenartig: Je „allmächtiger“ sich Macher beim Erfinden und Durchboxen ihrer „Wahrheit“ fühlen, desto durchschaubarer sind sie selbst. Je mehr menschliche Werte abhanden kommen, desto berechenbarer wird das Individuum … Elizabeth Sloane ist in der Welt der Lobbyisten einfach deshalb so erfolgreich, weil sie „rechnen“ kann. Weil sie weiß, wie maschinengleiche Menschen, die ihren freien Willen und, damit verbunden, ihr Verantwortungsbewusstsein über Bord geworfen haben, ticken, wie sie programmiert und dirigiert werden können. Als der einzige Charakter, der ohne Hintergedanken und berechnende Absichten auch unter Druck loyal verbleibt, erweist sich im Handlungsverlauf – überraschend selbst für die Haupt-Protagonistin – der Callboy …

Einen möglichen Ausbruch aus dieser Welt verkopfter Erstarrung und Unmenschlichkeit deutet John Madden in seinem Film bestenfalls an: Hat Elizabeth Sloane, als sie schließlich im Gefängnis landet, womöglich auch diesen „Abgang“ strategisch geplant, um eine Lebensweise zu beenden, die sie andernfalls mit Sicherheit selbst zerstört hätte?

Für ihre beeindruckende Darbietung der Hauptrolle wurde Jessica Chastain mehrfach für Filmpreise nominiert, darunter als „beste Darstellerin“ für den „Golden Globe Award“. 

Fazit: Eine schauspielerische Glanzleistung, die in Erinnerung bleibt – und ein Blick in einen zwielichtigen Abgrund unserer Leistungs- und Wohlstandsgesellschaft, in der intellektuelle Brillanz leider allzu wichtig geworden ist. 

(2016, 132 Minuten)