Zwei Schmetterlinge

Wie schwer die Luft auf Erden lastete! Mühelos stießen sich die bunt betupften Flügel von ihr ab, rissen das zarte Körperchen bald hinüber, durch den üppig blühenden Rosenbogen, bald hinauf, unter das sengende Licht des wolkenfreien Himmels, und wieder hinab in die schattige Kühle, wo die alten Sträucher und Bäume in dem liebevoll gepflegten Garten der Sonne trotzten.

Die junge Frau saß gedankenstill in dem kleinen Pavillon nahe dem Haus. Die linde Brise, die aufmunternd mit ihrem Haar spielte, ließ sie die ungewöhnlich heiße Mittagsstunde dieses Julitages leichter ertragen. Als sie einen zweiten Schmetterling entdeckte, noch so einen Hauch überschwänglichen Lebens, huschte ein wehmütiges Lächeln über ihr tränenbenetztes Gesicht. Auch er durchwuselte das luftige Meer, jagte dem anderen tanzend nach, ihm voran, und Momente später waren beide jenseits des Rosentors ihren Blicken entflattert.

Ach, dieses unselige Abschiednehmen! Wie gut kannte sie das ohnmächtige Erzittern des Inneren, den dumpfen Druck der Tränen, der sich allen Gedanken entgegenstemmt und doch auch willkommenen Halt bietet vor dem Abgrund trostloser Grübelei. Wie wohltuend war es, hier für Momente in Ruhe zu weinen.

Viele sonnige Jahre hatte Diana hier verlebt, in diesem Garten, in den Haus ihrer Eltern. Der Vater! Immer noch sah sie ihn an ihrer Seite lachen, Spielgefährte, großer Bruder, ihr ewiger Freund durch alle Jahre. Selbst seines Unmuts erinnerte sie sich mit Freude. Selbst wenn sie ihn im Überschwang des Wohlbehagens und Weltentdeckens keck und launisch provoziert hatte, war seine Liebe unerschütterlich geblieben; nie hatte sie seinen Zorn als Angst erfahren.

Ja, sie hatte ihn geliebt, diesen Menschen, der mit ihr durch Kindheit und Jugend gewachsen war, diesen mächtigen Baum, an den sie sich auch als Erwachsene noch hatte lehnen können, der so stet und unvergänglich gewirkt hatte!

Und dann war er plötzlich nicht mehr da gewesen. Seit jener schrecklichen Stunde vor neun Jahren blieb der Vater ihrem Leben entrissen. Immer noch hörte Diana die klanglose Stimme am Telefon, die ihr das Unfassbare ins Herz brannte. Ein Unfall, nur einer der vielen, wie sie jeden Tag im Straßenverkehr Menschen dahinraffen.

Und jetzt auch die Mutter! Erst vor kurzem hatte sie erfahren, dass Maria nur noch wenige Wochen oder Tage gar erwarten durfte. Wieder stand ein Abschied bevor, abermals würde eine liebes, teures Universums einfach verlöschen.

Die Mutter und der nahe Tod … bisher hatte für Diana dieser Zusammenklang natürlich und vertraut getönt. Maria war seit vielen Jahren im Hospiz tätig, hatte oft und oft von ihren Erlebnissen am Sterbebett erzählt, von dem großen Frieden des Hinübergehens, von dem letzten, lösenden Ausatmen und von ihrer Überzeugung, jeder Tod sei eine überwältigende Lebens- und Liebeserfahrung, nicht aber das Ende.

Wie empfindungsstark, wie lebensnah war diese Frau! Und nun sollte ihre gütige, zartfühlende, energische Stimme verstummen?

Die Mutter und der Tod – schrecklich neu war dieser Gedanke und furchtbar nah!

Als Diana einen kraftlosen Ruf vernahm, eher ahnend als hörend, eilte sie aus dem Garten an Marias Bett in das kühle Haus.

Die Mutter war aufgewacht, sie lächelte erschöpft, aber aus ihren Augen leuchtete helle Kindlichkeit. Ihre kühlen, leichten Hände suchten die der Tochter und umschlossen sie sanft. Minuten kostbarer Stille, wortloser Zuneigung vereinten die beiden Frauen, bis Maria ihre brüchige Stimme zum Gehorsam zwang. „Oft habe ich mich am Bett sterbender Menschen gefragt, wie es denn mir selbst erginge, wenn ich von allem, was mir lieb und wertvoll ist, Abschied nehmen müsste. Im Stillen fürchtete ich, diesen Schmerz nicht ertragen zu können. Aber jetzt, von Angesicht zu Angesicht, ist diese Bürde doch nicht schwer!“

Marias Hände drückten die der Tochter fester, und lächelnd fügte sie hinzu: „Es ist wunderbar, Dich bei mir zu spüren. Es war nie schöner!“

„Mutter!“ rief Diana verhalten. Jahrzehnte lang hatte sie das vertraute Wort Tag um Tag dahingesagt; jetzt aber, in der zerbrechlichen Intimität dieses Augenblicks, wandelte es sich zum Inbegriff machtvollster Bindekraft, redlichster Liebe. Die Hände der beiden Frauen gaben einander Halt, dann aber wandte Maria ihren Blick unsicher tastend nach dem vorhangverdeckten Fenster.

„Ich möchte dir noch etwas anvertrauen, Diana“, sagte sie nach kurzem Zögern. „Ich will es dir erzählen, obwohl ich weiß, wie gern du deinen Vater hattest und dass du vielleicht gerade jetzt oft an ihn denken musst! Ich möchte darüber sprechen, um es selbst leichter zu haben!“

Diana nickte sachte ließ Mutters Hände sanft ins Leintuch gleiten, ihrem Ringen nach Befreiung Platz bietend, und ihre Erinnerung löste sich in Worte.

„Es war vor 15 Jahren, auf der Reise zu meiner Schwester. Ich weiß noch gut, wie ich aus dem Fenster des Zugabteils sah und meinen Gedanken nachhing. So rasend schnell, dachte ich, so farblos und kalt rauscht das Nahe, Alltägliche an uns vorbei; wie ruhig und einladend wirkt der Horizont dagegen, wirken die fernen Berge, die man im Leben noch erklimmen könnte …“

Maria ließ ihren Atem ruhig ausströmen und senkte die Augenlider. Nichts mehr sollte in der Lauterkeit des Abschiedes unausgesprochen bleiben.

„Auf dieser Reise“, fuhr sie zögerlich fort, „lernte ich einen Mann kennen. Immer noch wühlt mich die Erinnerung auf, wie er vorsichtig an die Abteiltür klopfte, mich fokussierte und dann eintrat. Diese Begegnung veränderte mein Leben. So willkommen sie mir damals war, so sehr fühle ich ihretwegen seit vielen, vielen Jahren nur noch bittere Schuld.“

Diana unterbrach ihre Mutter nicht, als sie abermals innehielt. Sie spürte, wie schwer es ihr war, dieses Geheimnis preiszugeben. Es musste ein mächtiger Fels sein, an den das Meer des Vergessens vergeblich brandete.

Maria suchte den Blick der Tochter. Sie fand vorbehaltloses Vertrauen und bekräftigte ihren Entschluss, all den lastenden Erinnerungen endlich Worte zu verleihen. „Noch heute weiß ich genau, wie er sich vorstellte. ,Gestatten Sie‘, sagte er mit singender Stimme, ,Stefan Ernst, Schauspieler und Jude!‘ Diese augenzwinkernde Eloquenz, diese Mischung aus Förmlichkeit und Fröhlichkeit bannte mich. Und ich bot dem charmanten Mann nicht einfach Platz, sondern ließ meine Sympathien für ihn hemmungslos wachsen. Immer weiter lösten sich meine Gedanken und Empfindungen aus den Winkeln und Gassen des Alltags und schwärmten nur noch ihm zu! Du weißt, wie sehr ich mich an Lebensgeschichten erfreuen kann – und seine sprach mich besonders an, denn hinter der profanen Ausgelassenheit glaubte ich Erfahrung und Weisheit zu erkennen …“

Ein Lächeln wollte Marias Gesicht erhellen, aber unwillig verscheuchte sie es. Sachlich und ohne Beschönigung sollte das Geständnis sein.

„Die Wahrheit ist“, sagte sie dann, „dass während dieser Reise etwas geschah, das ich zuvor nicht für möglich gehalten hätte – ich begann mich für diesen ungewöhnlichen Mann zu begeistern, obgleich ich rückblickend weder Anlass noch Erklärung dafür finde. Es mochte meine philosophische Neigung mitgewirkt haben, die mich dem Alltag entrückt hatte, jedenfalls fanden wir uns bald tief in Gedanken über das Leben. Er fragte und antwortete, erzählte und spielte mit Worten und seinem ganzen Körper – nie habe ich einen Mann so viel reden hören! –, und ich war, ganz entgegen meiner Art, die naive, in Glückseligkeit schwelgende Zuhörerin.

Gut erinnere ich mich noch, wie er die Rolle seines Lebens analysierte, den Mephisto, und welche Fragen er Goethes Faust und seinem zwielichtigen Widersacher verband: Kann nur der suchende Mensch verführt werden, weil nur er nach Halt und Führung strebt? Und unterliegt der Verführer nicht zwanghaft seiner eigenen Pionier-Natur, die ihn um des Fortschritts willen zum Abenteurer macht, ja, zum Künstler, der gegen Dumpfheit und Erstarrung antritt?

Solche Fragen warf er auf, und ich bemerkte in meiner Einfalt nicht, dass er von Anfang an über niemand anderen sprach als über uns beide. Erst später begriff ich, dass es keine bessere Tarnung für Absichten und Eigenheiten gibt als die Augenfälligkeit. Ich erlebte den Verführer und erkannte ihn nicht; der Schwätzer offenbarte sich in jedem Satz, und ich hörte ihn nicht.

Das Merkwürdigste und Ungeheuerlichste an seiner Art aber war, wie er immer wieder von Gott sprach. Es ärgerte ihn zum Beispiel die Gewohnheit, den Gottesnamen als Grußformel zu verwenden oder als gedankenlosen Ausruf des Schreckens. Darin sah er eine Verunehrung, einen Verstoß gegen das Zweite Gebot. Damals wertete ich solche Ansichten als achtbaren Ausdruck strenger jüdischer Frömmigkeit. Ich bewunderte ihn dafür und stellte meine eigene Gepflogenheit in Frage. Heute aber fürchte ich, dass dieses Gespräch, das mir so viel bedeutete, nur Teil eines geschickten Kalküls war; dass es vielleicht zwar meiner eigenen religiösen Mündigkeit Gutes tat, für ihn aber doch nur Gesprächsroutine blieb, ein längst und oft erprobtes Mittel zum Zweck.

Jahre später erfuhr ich, dass Stefan Ernst verheiratet und bekannt für seine außerehelichen Abenteuer war.

Was ich dir also gestehen will, liebe Tochter, ist, dass ich eine Affäre hatte. Und es wäre mir fürwahr leichter, könnte ich eine triebhafte Wallung dafür verantwortlich machen, aber meine Neigungen reichten tiefer. Ich fühlte das drängende Bedürfnis, diesem Menschen mein Inneres zu offenbaren und war überzeugt davon, dass auch er das vorbehaltlos tat. Aus seiner religiösen Gesinnung vermeinte ich ein herzliches, umfassendes Verständnis herauszuspüren, eine tiefgründige Seelenverwandtschaft auf der Suche nach Wahrheit und nach neuen Perspektiven. In seinen Gedanken über Gott und die Welt fand ich Geborgenheit; zugleich aber keimte eine kindische, rasende Verliebtheit in mir, eine dumme, jugendliche Lust, die mich meiner eigenen Familie entfremdete.“

Marias Blicke waren unruhig durch die Vergangenheit geschweift und suchten nun wieder Halt in der Fürsorge der Tochter:

„Zunächst tat ich meine Leidenschaft noch als harmloses Gedankenspiel ab, das mir gut kontrollierbar erschien. Ich machte mich selbst glauben, dass uns doch nur der Austausch im Gespräch verbinde, die gemeinsamen Sehnsüchte und Ideale. Doch längst wogten Gefühle zwischen uns, die machtvoll nach mehr und noch mehr Nähe drängten. –

Ich habe oft danach geforscht, weshalb ich diese Affäre als so befreiend empfinden konnte, wo doch meine Ehe glücklich und gelungen schien. Ich fand keine Antwort, doch entdeckte ich einen Stachel in mir, der uns allen Schmerz und Enttäuschung bereitete, auf den ich aber in stillem Trotz Anspruch erhob: Im Grunde meines Herzens wollte ich mein Leben stets allein verbringen – frei und unabhängig von anderen Menschen. Deshalb konnte ich Deinem Vater Verständnis und Wohlwollen entgegen bringen, aber ich mochte ihm keine Liebe schenken, nicht die größte Nähe. Für ihn und auch für dich immer bereit zu sein, das war mir aus Zuneigung und Mütterlichkeit selbstverständlich – und doch fehlte mir die tiefere Sehnsucht nach Verbundenheit. So lagerte über unserer Ehe, aus der ich selbst so viel Liebe empfangen hatte, etwas Entzweiendes, ich erlebte sie mitunter als Korsett. Und vielleicht glaubte ich damals, in der Rücksichtslosigkeit, wie sie jeder Schwärmerei zueigen ist, mein Anrecht auf Freiheit endlich leben zu dürfen …

Erst nach dem Unfall, von jener schrecklichen Stunde an, wurde mir der Wert unserer Ehejahre bewusst. Ich ertappte mich dabei, wie ich sie nun idealisierte, mich in Trauer steigerte und einem Toten all meine kärgliche, Besitz ergreifende Liebe nachwarf, um jetzt, wo es zu spät war, mein Bekenntnis stumm in die Welt hinaus zu schreien.“

Marias Lippen schlossen sich zu einem harten Strich, mühsam rang sie nach Luft. Er wurde ihr schwer, die Selbstanklage fortzuführen.

„Nach Jahren noch redete ich mir ein, dass diese Affäre wohl eine Schicksalsfügung gewesen sei, ein Ereignis, dem ich gar nicht entkommen konnte, weil mir die Sogkraft, die uns verband, so übermächtig erschien. Heute schäme ich mich für diese matte Selbstentschuldigung. Ich habe Deinen Vater betrogen – so einfach ist die Wahrheit. Aber“, fügte sie gelöst hinzu, „es ist ein Geschenk, sie dir noch gestehen zu dürfen.“

Diana hatte in den Jahrzehnten viele Gesichter ihrer Mutter erlebt – das hart entschlossene, das still in sich gekehrte, herzlich-gütige, das verbitterte, manchmal auch das ausgelassen-humorvolle. Aber was ihren von Krankheit gezeichneten Körper, ihre fahle, dünne Haut heute durchstrahlte, was die erschöpft eingefallenen Wangen und ihr müdes Antlitz glücklich verklärte, war ein Maß an Größe und Aufrichtigkeit, das sie noch nie erlebt hatte. Sie empfand keinen Vorwurf, ihre jungen Hände ergriffen die alten, und sie fragte liebevoll: „Hast Du Vater je davon erzählt?“

Die Mutter schüttelte schwach den Kopf. „Nein, nicht von dieser Begegnung im Zug, nicht von dem, was in den folgenden Monaten geschah, und auch danach, als ich die Affäre beendet hatte, weil mir dies alles unerträglich geworden war, konnte ich darüber nicht sprechen. Ich war zu feige und auch zu stolz. Aber ich habe in meinem Leid wohl gelernt, dass sich Erlebtes nicht verbergen läßt. Und an den Vorbehalten, die auch du empfinden musstest, habe ich gebüßt. Nun weißt du, dass es einen Grund für deine Gefühle gab!“

Diana bezwang den Impuls zu widersprechen. Allzu gut kannte sie die unsichtbare Mauer, die ihre Mutter abgeschlossen hatte, und deutlich ahnte sie auch die Kluft, die ihre Eltern voneinander getrennt haben musste. Welche Worte konnten der Aufrichtigkeit, die dieser Moment einforderte, Stand halten?

„Ich habe gespürt, dass es etwas gab, das nur dir gehörte, zu dem ich keinen Zugang fand“, sagte sie, „aber das änderte doch nichts daran, wie sehr ich dich als liebevolle Mutter schätzte. So vielen Menschen bist du ein Vorbild in Selbstlosigkeit. Kein Fehler der Vergangenheit könnte das in Frage stellen!“ Mit Nachdruck umschloss Diana eine Hand ihrer Mutter. Noch leichter, noch kühler fühlte sie sich an.

„Sei dir nicht so sicher!“, antwortete Maria. „Du weißt erst wenig von dem, was mich bedrückt.“

Konzentriert versuchte sie, neue Kraft zu gewinnen, um auch das Entscheidende noch auszusprechen, doch eine bleierne Müdigkeit überwältigte sie, und ihre Stimme ergab sich der Stille.

Diana benetzte die trockenen Lippen ihrer Mutter, empfing ein lächelndes Nicken als Dank und ging, sobald sie Maria ruhig schlafend wusste, zurück hinaus in den Nachmittag.

Immer noch lastete drückend schwer die Luft dieses heißen Sommertages über der Erde, immer noch tänzelten Schmetterlinge lebensdurchpulst um den blühenden Rosenbogen im Garten. Sie stand in einer Welt der Schönheit, die den Willen einer Frau widerspiegelte, die Diana bisher nur in ihrer beispielhaften Kraft gekannt hatte, in ihrer herben Unabhängigkeit, in mütterlicher Fürsorge, nicht aber in ihrem Seelenschmerz, nicht in so bitterer Selbstanklage und Zerbrechlichkeit.

Verwandte und Bekannte kamen und gingen, Mutters Schwester, ihr Bruder, Schaulustige und Betroffene, Hilfsbereite und Hilflose. Diana aber schenkte Maria in diesen letzten Tagen vorbehaltlos das Wertvollste, das sie geben konnte: all ihre Zeit. Zu Hause, in diesem kleinen Paradies, an dem sie ein halbes Leben lang gearbeitet hatte, dem sie vielleicht noch stärker verbunden war als allen Menschen, sollte die Mutter in Ruhe hinübergehen dürfen, so schmerzfrei und unbelastet wie möglich, aber ohne die Gewalt lebensverlängernder Kunstgriffe. So, wie es immer ihr Wunsch gewesen war. –

Das Gespräch über die Ereignisse vor 15 Jahren lag nun schon mehrere Tage zurück. Diana hoffte nicht mehr darauf, es fortsetzen zu können. Zu schwach war die Mutter geworden. Die Augen der Sterbenden suchten nicht mehr ihre Nähe, sondern die Ferne, eine Ferne, die außerhalb des kühlen Zimmers lag.

Äußerlich gefasst, doch in größter innerer Erregung tat Diana ihre Arbeit. An einem Morgen schließlich, als sie die Mutter bettete – wie schwerelos war ihr Körper schon geworden! – und ihr ein wenig Flüssigkeit gab, sah Maria sie unvermittelt an, lächelnd, entrückt, aber noch einmal wach. Angestrengt versuchte sie Worte zu formen. Diana benetzte ihren trockenen Mund und legte ihr Ohr dicht daran.

„Ich glaube“, flüsterte die Sterbende langsam, „es gibt wenig Großes, das wir Menschen leisten, wenn uns nicht das Leid oder eine Schuld dazu treibt. Ich hätte dir noch viel sagen wollen, Diana – aber es geht nicht mehr. Nur eines sollst du wissen, das Wichtigste: Du hättest eine Schwester gehabt. Sie wäre jetzt vierzehn Jahre alt … verstehst du?“ –

Diana schwieg. Ihre Hand tastete Halt suchend über das Leintuch und ihr Denken erstarrte in namenlosem Schmerz. Nicht Trauer, nicht Mitleid, nicht Enttäuschung, einfach nur Schmerz.

Endlich nickte sie, Tränen drangen aus ihren Augen, und stimmlos hörte sie sich fragen: „Wie konntest Du das nur ertragen, Mutter?“

Die Blicke der beiden durchdrangen einander noch einmal, und in letzter Mühe sagte Maria: „Nun weißt du, welche Hospizhelferin ich war. In Wirklichkeit habe ich immer nur gutzumachen versucht.“

Diana umarmte ihre Mutter, wieder und wieder durchzuckte ein haltloses Schluchzen ihren Körper, und endlich, als alle Wellen sich gebrochen hatten, strich sie Maria liebevoll die Haare aus der Stirn, lächelte zart und rang um Worte für ihre ungeordneten Empfindungen. „Ich weiß nicht, wie ich dich trösten könnte“, bekannte sie, „aber ich weiß gewiss, dass du es gut gemacht hast! Und ich weiß auch, dass ich dich liebe, und ganz sicher würde auch Vater dich wie früher lieben!“

Marias Blick wich zur Seite, hinweg zu irgendjemandem in weiter Ferne. Ihr Körper gehorchte nicht länger. Sie konnte nicht mehr sagen und nicht zeigen, wie sehr auch sie ihre Tochter liebte. Doch Diana spürte den warmen Wind, der sie umbettete, sie erkannte ihn aus ihrer Kindheit wieder, aus ihrer Jugend, aus der erfüllten Zeit, die vor neun Jahren mit dem Tod des Vaters so jäh geendet hatte.

Nun aber waren sie wieder eine Familie – einig, geschlossen, stark. 

Dann atmete die Sterbende aus, ruhig brach ihr Blick, ein wenig dunkle Flüssigkeit quoll aus dem Mund, und ohne Schmerz war das letzte Loslassen, das Sichhingeben und Entpuppen durchlebt. 

Diana ging zum Fenster und öffnete es. Ein Luftzug blähte den dünnen weißen Vorhang nach innen, und munter flatterte ein Schmetterling weit ins Zimmer hinein, auf und ab, hin und her, als suche er dringend seine Gefährtin.

Unwillkürlich, während ihre Blicke dem kleinen Falter folgten, erinnerte sich Diana an den heißen Nachmittag, als sie im Pavillon gesessen war und den nahen Abschied beklagt hatte.

Es war ein Neubeginn geworden, und hätte ihr Vater ihn miterlebt, so würde ihn der Strom der Liebe und des Verzeihens gewiss abermals mit seiner starken Frau verbunden haben.

Woher kam der zweite Schmetterling, der dem ersten nun neckisch nachwuselte?

Die junge Frau sah den beiden zu, wie sie unbeschwert nach draußen flatterten, bis sie jenseits des Rosentors ihren Blicken entglitten.

Diese Erzählung stammt aus dem Band „Lebensnähe – 12 Erzählungen von Werner Huemer“