Zwei Planeten kreisen um die selbe Sonne

Grafik: Roger Gut

Es lebte einmal, irgendwann und irgendwo, ein Händler, der weithin als geschäftstüchtig, doch auch als gierig und geizig bekannt war. Eines Tages ging er in die nahe Stadt, um einem jungen Mann ein Geschäft vorzuschlagen, von dem er sich Vorteile erhoffte. „Ich habe gehört, Du seist ein geschickter Mechaniker“, sagte er. „Ich brauche einen solchen Könner. Mein Wagen ist in schlechtem Zustand und muss dringend überholt werden. Vor mir liegt eine lange, wichtige Reise. Aber ich überlasse mein Fahrzeug ungern den Wucherern in der Garage. Viel lieber einem wahren Freund!“

Der junge Mann sah den Händler lange an, überlegte, kratzte sich nachdenklich am Kopf und sagte schließlich belustigt: „Ich habe auch von dir gehört. Man sagt, du seist ein guter Kaufmann, doch ein schlechter Freund. Mir aber bist du doch sympathisch. Also werde ich dir helfen!“

„Das freut mich“, antwortete der Kaufmann, „somit muss ich jetzt nicht mehr weiter nach einem Freund suchen, denn die Reparatur drängt sehr. Komme also morgen mit Deinem Werkzeug in aller Früh zu mir. Ich werde dir sechs Silbermünzen für Deine Arbeit bezahlen.“

„Du wirst zufrieden sein“, sagte der junge Mann. „Und als mein Freund musst du selbstverständlich keine sechs Silbermünzen zahlen! Dieser Betrag ist viel zu hoch!“ Er drückte dem Händler zum Abschied die Hand und verschwand singend in einer schmalen Seitengasse.

Am nächsten Tag wartete der Kaufmann voll Ungeduld auf den Mechaniker. Er hatte für diesen Morgen alle Verpflichtungen abgesagt, denn diese Reise war wichtig, die Reparatur musste Vorrang haben. Es ging um einen Handel, der das Gedeihen seines Geschäftes auf Jahre bestimmen konnte.

Doch die Stunden vergingen und zuletzt der Tag. Erst gegen Abend kam der junge Mann fröhlich pfeifend an.

„Weshalb blickst du so ernst und vorwurfsvoll?“, fragte er den Kaufmann. „Ich weiß wohl, dass du auf mich warten musstest, aber du hast keinen Grund, mir etwas vorzuhalten. Du bist ein guter Mensch und wirst mir gewiss verzeihen können, wenn du nun erfährst, dass ein alter Freund mich dringend brauchte. Er war von seinem Vermieter gezwungen worden, binnen Stunden sein Haus zu räumen, also half ich ihm spontan. Und weißt du, was ich bei ihm fand? Eine Kiste, vollgepackt mit wunderbarem Werkzeug, das ich mir selbst nie hätte leisten können. Und all das überließ er mir tatsächlich als Bezahlung! So sind Freunde! Doch will ich Dich nicht länger mit der Geschichte meines Glücks belasten und lieber sofort an die Arbeit gehen. Zeige mir Deinen Wagen!“

Der Kaufmann besänftigte den Unmut, der sich über die langen Stunden des Wartens angestaut hatte, zeigte dem jungen Mann den Schuppen, in dem sein Fahrzeug stand, vergewisserte sich, dass er mit der Begutachtung begann und ging zurück ins Haus, um in Ruhe und mit neu gewonnener Zuversicht seinen Abendtee zu trinken.

Bereits nach wenigen Minuten klopfte der Mechaniker wieder an die Tür. „Ich habe in der kurzen Zeit alles gründlich durchgesehen“, sagte er stolz. „Leih mir für die Arbeit dein Werkzeug, und morgen früh wirst du glauben, du hättest in der Nacht ein neues Fahrzeug gekauft!“

„Aber ich habe kein eigenes Werkzeug“, entgegnete der Kaufmann. „Ich hatte dich gestern doch gebeten, Deines für die Arbeit bei mir einzupacken!“

Der Junge überlegte. „Du hast Recht, es tut mir Leid, ich habe verstanden“, sagte er dann. „Und glaube mir, das ist nicht schlimm. Ich werde mit der Reparatur sofort bei Sonnenaufgang beginnen und alles, was ich benötige, von zu Hause mitnehmen! Jetzt bin ich ja bestens ausgestattet!“

Der Mechaniker lachte lebensfroh, die beiden Männer verabschiedeten sich, und der Händler entschloss sich, seine Geschäfte weiterhin auszusetzen, bis er den Beginn der Reparaturarbeiten kontrolliert hatte. Es blieb, wenn es denn sein musste, ja doch noch ein wenig Zeit. Wenn er seine große Reise erst übermorgen antreten könnte, so tröstete er sich, sei ja trotzdem alles in bester Ordnung. Zum Glück hatte er die kaufmännische Vorsicht gelernt Unwägbarkeiten stets mit einkalkuliert!

Am nächsten Morgen, als der Händler abermals schon stundenlang gewartet hatte, klopfte statt des jungen Mannes ein Bote an die Tür und überbrachte eine Nachricht. „Habe keine Sorge, guter Freund“, stand auf dem Papier zu lesen. „Ich habe selbstverständlich nicht auf dich vergessen. Aber ich bitte dich noch um ein wenig Geduld. Gestern, spät in der Nacht, suchte mich, völlig überraschend, eine alte Freundin auf, in deren Schuld ich stehe. Ich will offen sein: Es gab Zeiten, in denen ich nahe daran war, ohne irgendeine Habe unter der großen Stadtbrücke weiterzuleben. Damals, hart am Abgrund, rettete mich die Herzensgüte und die Großzügigkeit dieser besonderen, mütterlichen Frau und lehrte mich, was Selbstlosigkeit bedeutet. Ich muss ihr nun dringend einen Gefallen tun, aber ich werde heute noch am Nachmittag bei Dir sein. Ich weiß um Deine Eile, aber vertraue mir! Dass ich Dir auf diesem Wege sofort Nachricht gebe, möge mein bestes Wollen beweisen! Die Reparatur wird schnell vonstatten gehen, und sie wird Dich wenig kosten!“

Der Kaufmann überlegte. Die Nachricht hatte ihn zutiefst erschreckt, seine Gedanken blieben verwirrt. Sollte er nun nicht doch sofort die teure Garage aufsuchen? Aber womöglich würde man die Mängel auch dort nicht mehr rasch genug beheben können. Nein. Letztlich schien es doch besser, der bitteren Nachricht einfach zu trauen! –

Der Nachmittag war schon fast vorbei, als der junge Mechaniker eiligen Schrittes erschien. „Keine Sorge! Alles wird gut!“, rief er augenzwinkernd und machte sich eilig ans Werk, während der Kaufmann nachdenklich in sein Haus ging, um den Abendtee zu trinken. Lange hörte er nichts von seinem arbeitenden Gast, dann klopfte es leise, fast unhörbar an der Tür.

„Ich habe leider nicht nur gute Nachrichten, mein Freund“, sagte der Mechaniker beschämt. „Zwar konnte ich, ganz wie vorhergesehen, an Deinem Fahrzeug alles wieder reparieren, doch zuletzt entdeckte ich einen gefährlichen neuen Mangel, direkt an der Achse, und diesen kann ich nicht sofort beheben! Doch zu Deinem Glück fand ich diesen Fehler – denn in diesem Zustand hättest Du im Fahrzeug wohl den Tod finden können!“

Entsetzt sah ihn der Kaufmann an: „Die Achse, das Wichtigste! Du hättest sie als erstes prüfen sollen! Jeder vernünftige Mechaniker würde das tun! Werde ich die Reise, die über meine künftigen Geschäfte entscheidet, morgen früh also nicht antreten können?“

Der Junge schüttelte bedächtig den Kopf: „Keinesfalls darfst du das mit diesem Fahrzeug  tun!“ Dann aber lachte er entschlossen und schlug dem Kaufmann unternehmungslustig auf den Oberarm. „Lass Dir zeigen, was Freundschaft kann. Ich werde morgen gleich versuchen, Dir ein neues Fahrzeug zu beschaffen, eine Leihgabe für …“

Der Händler wehrte ab. „Bemüh‘ dich nicht“, sagte er, „es handelt sich um eine Reise mit ungewisser Dauer.“

„Dann werde ich Dir, so schnell es geht, Ersatz für die kaputte Achse schaffen! Es ist ja schließlich meine Schuld, diesen Mangel nicht sogleich entdeckt zu haben. Ich nehme sie gern auf mich und rate Dir: Gib Deinem Freund noch diese Chance, verlasse Dich! Dein Wagen wird schneller wieder rollen, als Dir träumen könnte!“

Der Kaufmann schloss die Tür. „Deine Schuld …“, flüsterte er in die Nacht hinein und fand erst Schlaf, als er sich entschlossen hatte, gleich am nächsten Morgen alle seine Rücklagen in ein neues Fahrzeug zu investieren und mit diesem unverzüglich seine Reise anzutreten.

Als der junge Mechaniker spät am darauffolgenden Nachmittag den Kaufmann aufsuchen wollte, um ihm mitzuteilen, dass eine neue Achse frühestens in zwei Tagen geliefert werden könne und die teure Garage überdies der einzig brauchbare Ort für deren Montage sei, traf er das Haus leer an. Das Fahrzeug aber stand an seinem Platz, und darin bemerkte er einen bunten Lederbeutel. Er öffnete ihn und fand sieben Silbermünzen neben einem Brief, der an ihn gerichtet war.

„Gib dir keine Mühe mit der kaputten Achse“, las er. „Die Münzen sind für Dich. Sechs als versprochener Lohn für deine Arbeit, und eine weitere nimm als Ausgleich für die Freundschaftsdienste, die ich dir zu Unrecht abverlangte. Ich habe über vieles nachgedacht und durch dich meine eigene Kälte erfahren. Möge unsere Begegnung auch Dir von Nutzen sein!“

Der Junge blickte nachdenklich auf das Fahrzeug und steckte den Beutel dann zufrieden ein.