Neue Hoffnung

Wenn ich auf die allzu vielen Jahrzehnte meines Lebens zurückblicke, so muss ich zugeben, dass ich einige pubertäre Auffälligkeiten bis ins hohe Alter mit mir schleppte. Ein halbes Leben war nötig, um die Hormone mit den schöngeistigen Idealen zu vereinen, und tatsächlich erblicke ich erst jetzt, als greiser Narr, in einem Lächeln treuer Zuneigung das leuchtende Universum und erspüre die Ewigkeiten aus dem Moment einer liebenden Berührung. 

Gerade noch zur rechten Zeit wird meine Sehnsucht nach Geborgenheit im Gelöbnis der Ehe Erfüllung finden.

Ich weiß, ich neige zur Schwärmerei, aber wie sollte ich meinen Empfindungen anders Ausdruck verleihen, wo sich mir doch Schönheit und Glanz ebenso endgültig als trügerisches Nichts enttarnten wie die Zaubermacht der Phantasie, die mich wieder und wieder verhöhnte.

Auch weiß ich natürlich, dass mich solche Gedanken jenen alten Nörglern zugesellen, die nur analysieren und resümieren, weil ihre schwindende Kraft nicht mehr ins Morgen reicht. Aber gerade um der Zukunft willen wage ich diesen Rückblick, in dem sich die Beispiele für herausragende Dummheit so konkurrenzierend aneinanderreihen wie die Gipfel der Südtiroler Berge. –

Als dieser weißhaarige, braunbefleckte Körper mit seinen unzulänglichen, ständig sich irgendwie aufspielenden Organen, den ich heute stockverstärkt und mit zu wenig Knochengrund im Mund von einem Winkel in den nächsten schleppe, noch geeignet zum Narzissmus war, in jenen sehnigen, unbekümmerten Jahren, als ich noch nicht wusste, dass uns das Leben zur bestimmten Zeit alles von selbst zuführt, drängte es mich dem Weiblichen wie unter Drogen entgegen. Ich war dieserhalb ein hoffnungsloser Fall, nicht ohne Charme, wie man mir attestierte, doch ungehemmt, allzu kühn und unentwegt auf dem Rand der Peinlichkeiten balancierend.

An jenem Winterabend, der die Phantasielandschaften meiner Seele erstmals schonungslos durchpflügte, war ich beseelt vom Glück, dem vollendet Schönen zu begegnen. Wenigstens dachte ich das, denn die Umstände bezeugen rückblickend meine blühende Einbildungskraft, keine tatsächlich zwingende Wahrnehmung.

Es passierte im aufgeheizten Dunstkreis eines Thermalbades (möge dieser Umstand mich entlasten).

Die Frau, die meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, lehnte entspannt am Rand des Beckens, ihre langen, blonden Haare glänzten nass im Mondlicht, das warme Wasser umspielte ihren unbeschreiblich wunderbaren Körper, ihr Blick war in den Sternen über uns verankert und in ihrem milden Lächeln spiegelte sich Erhabenheit. Eine Fee, ein Wesen aus einer überirdischen Märchenwelt, elfengleich zart, zerbrechlich, von vollendeter Anmut.

Hätte ich in ihrer Erscheinung nur irgend etwas Profanes entdecken können, ich wäre ohne Überlegung sogleich zu ihr hingerückt, um ihr das Geständnis meiner aufrichtigen Liebe zuzuflüstern, auch wenn mir solche Ehrlichkeiten bisher stets durch empörte Worte oder verschüchterte Blicke quittiert worden waren.

So aber zögerte ich. Die Reinheit und Jungfräulichkeit, die dies Urbild der Weiblichkeit ausstrahlte, gebot Vorsicht in der Annäherung. Aber während ich unweit des Wunders staunend im Wasser verharrte, verfiel ich der Schönheit dieser Frau vollständig. Wie konnte ein solches Wesen es wagen, sich in einem öffentlichen Bad zu zeigen? Das Geheimnis seiner Vollkommenheit unverhüllt den Blicken aller preiszugeben? Die Welt dermaßen zu blenden?

Ich beschloss abzutauchen, um zu prüfen, ob sie tatsächlich auf zwei Füßen stand, ob nicht ein fischgleicher Unterleib sie als armes, verirrtes Naturwesen verriet.

Atemlosigkeit umfing mich, ein langer, magischer Augenblick, gezeugt vom Zauber der vollendetsten Beine. Graziös, verlockend tänzelten sie vor mir, doch in einer höheren Welt, in einer anderen Zeit, die sich in vermindertem Tempo offenbaren muss, um den Betrachter nicht mit ihrem Liebreiz zu erdrücken.

Als Höhepunkt des vertraulichen Unterwasserschauspiels hob sich nun das linke Bein, um mit der Sohle sanft über die Wade des rechten zu streichen. Ein Moment, in den sich die ganze Seele dieses Lichtwesens ergoss. Nie hatte ich eine anmutigere Bewegung gesehen. 

Und nie zuvor eine so eindeutige, hingebungsvolle Einladung erhalten.

Langsam, behutsam, im Gleichklang mit ihrer entrückten Innenwelt, tauchte ich vor ihr auf, bereit, sie zu umarmen, ja, sie sogleich zu küssen, mit ihr die Lebensnähe vorbehaltlos auszukosten.

„Sie sind wunderschön!“, hauchte ich, zunächst noch um Luft ringend, um dann, so zart ich konnte, ihr das Wort „Ich liebe Dich!“ zu schenken. Langsam, ganz dem Tempo ihrer sanften Wunderwelt gemäß, sollte mein Bekenntnis ihre Elfenart umfassen, während meine Lippen sich von selbst dem Strom des puren Lebens näherten, der aus ihrem stillen Lächeln floss.

Von diesem Moment an wusste ich nichts mehr. – –

Ich erwachte im Sanitätsraum der Therme und sah über mir das aufgedunsene Gesicht eines verhalten grinsenden, fettleibigen Bademeisters, der mir in tiefstem Dialekt verdeutlichte, was er beobachtet hatte. Die Frau habe mir, so ätzte er, mit unglaublicher Geschwindigkeit eine gewischt, so dass ich auf dem Beckenrand aufgeschlagen und kurzzeitig ohnmächtig gewesen sei. Er habe ihre Personalien, wenn ich wolle, könne ich Anzeige erstatten.

Vor dieser letzten Peinlichkeit bewahrte mich ein Rest männlicher Selbstachtung. Die äußere und innere Erschütterung hatte mein Bedürfnis nach näherem Kontakt zu dieser Person absolut befriedigt. Aber jener denkwürdige Winterabend veränderte mich auch nachhaltig. Abgesehen davon, dass sich später, wenn ich es recht beobachtet habe, auf der geschlagenen Wange meine ersten Altersflecken bildeten, klärte die handfeste Ernüchterung vor allem meine Gesinnung.

Ich muss nämlich zugeben, dass derlei Offensiven gegenüber dem schönen Geschlecht bis zu jenen pubertären Mittdreißigerjahren im Grunde meine Beziehungsunfähigkeit tarnten. Aus mir drängte und trieb der rücksichtslose Pionier, den eine interessante neue Spur alles Bisherige vergessen ließ, um so mehr vor einem Objekt, das dem gewünschten Ideal entsprach – blond, blauäugig, stupsnäsig – und dieses Muster durch besondere Attribute noch veredelte.

Nun aber, nach dem Schicksalsschlag im Bad, erschien mir mein Beuteschema eindimensional und gefährlich. Also suchte ich nicht mehr die Schönheit für den Augenblick, sondern den Ausdruck des Unvergänglichen. 

Charaktergesichter begannen mich zu begeistern. Auffällige Nasen. Musikalische Ohren. Tiefe Stirnfalten, Ausgeprägte Lachgrübchen.

Und eines Tages – das Schicksal zwinkerte mir zu, denn wie damals in der Therme war es wieder ein Abend im Januar – erfüllte sich meine stille Hoffnung, jenes weibliche Wesen zu erblicken, das alle Schlüsselreize, die sich über die Jahre zu meinem neuen Traumcharakter rechneten, in sich vereinte. 

Aber wie in jungen Jahren sollte ich abermals schmerzhaft die Folgen einer allzu regen Phantasie erfahren. – 

Ich saß in der Halle eines Flughafens und beobachtete durch die Glaswand, ganz dem Winter hingetan, die verschneite Landebahn, deren Lichterkette mich aus diesem frühen Abend in die Ferne geleiten würde. Da spiegelte sich im Fenster plötzlich auffallend die Silhouette einer Frau, die mir gegenüber Platz genommen hatte. 

Als ich zu ihr hinsah, war ich ihr auch schon verfallen. 

Das Charaktergesicht – ein schmales Antlitz, von rotblondem Haar gekrönt, das abgesehen von den geradlinigen Stirnfransen ungeordnet wirkte, wie in letzter Eile hochgesteckt, ohne dass noch Zeit für einen Blick in den Spiegel verblieben wäre. Nach hinten zur linken Seite beugte sich ein neckischer Wirbel weit in den Raum, auf der rechten lag das Haar glatt an, nur ein paar Zacken ragten dort und da aus der roten Krone. Die eruptive Natürlichkeit dieser Wildniskultur war berauschend.

Ihre Augen leuchteten in so zartem Blau, dass der Blick wie entrückt wirkte, entkoppelt von der Erdenschwere des Körpers, verankert im Meer einer höheren, geisterfüllten Welt.

Ihre Nase hätte man, für sich betrachtet, eventuell als unförmig bezeichnen können, doch kontrastierte sie mein früheres Ideal perfekt und gab dem Antlitz einen Hauch von Adel – eine wohlgeformte Säule, die den Innenraum einer edlen, selbstbewussten Frau gegen die Dumpfheit der Außenwelt hart begrenzte.

Das Augenfälligste war indes der Mund der Fremden. Ihre nobel gewellten, harmonisch geformten Lippen widerspiegelten die endgültige Erhabenheit des Menschen über schwülstig-sinnliche Verformungen, die Einladung zum Gespräch, zu reiner, platonischer Diskussion. Schon fühlte ich den Wunsch, mich mit dieser weisen Philosophin auszutauschen, gemeinsam mit ihr abzutauchen in die Logik und mich im Wohlklang ihrer Stimme zu vergessen.

Der Gedanke drängte um so mehr durch die Eigenart der Schönen, unentwegt mit ihren Lippen zu spielen. Ihr ebenmäßiger Mund quoll nach vorn und wieder zurück, er schmollte im Nachdenken, entspannte sich im Entschluss, zuckte wieder und erneut. Gewiss reiften ohne Unterbrechung weitreichende Erkenntnisse in ihr, bewegende Schlüsse über den Sinn unseres Seins. Welche Schätze musste ihre Seele bergen! Welch rastloser Erkenntnisdrang schuf sich mit diesem Antlitz Form!

Die triviale Aufforderung, nun an Bord zu gehen, entriss mich meiner Seligkeit. Bald stapfte ich in der losen Kolonne der Passagiere durch den Schnee, und die Sekunden, in denen sich mir die Innenwelt eines Menschen detailliert und zweifelsfrei wie nie offenbart hatte, diese Momente der Erleuchtung, hätte ich gewiss schon bald vergessen.

Im Flugzeug jedoch bewahrte mich ein glückliches Schicksal davor, in die banale Geschäftigkeit des Alltags zurückzusacken. Der süßeste Schauer durchlief mich, als ich erkannte, dass Fortuna der großen Denkerin ausgerechnet den Platz neben mir zugewiesen hatte. Sie begrüßte mich mit freundlichem Nicken, ihr Haar schaukelte ungestüm, als sie das Handgepäck über unserer Sitzreihe verstaute und ihre artig geschlossenen Lippen schmollten und zuckten in wildem Eifer, als sie sich auf ihrem Sitz einrichtete, ihr Kleid straffte, ihren Nacken entspannte – und dann sogleich die Lider sinken ließ.

Wie gern hätte ich ein Wort, eine Silbe nur von ihr gehört. Sicher schwang in dieser Stimme ihr ganzer Seelenadel in kraftvoller Klarheit und herbem Wohlklang, ein Mezzosopran, der nicht sprach, sondern sang. Doch ich musste mich gedulden. Sie saß stumm neben mir, versunken in die Welt der Philosophie, und ich badete ergeben in ihrer duftenden Aura.

Meine Bewunderung verschüchterte mich vollends. Während das Flugzeug sich in Bewegung setzte, überlegte ich, jetzt nur noch ein unerfahrener Junge, wie ich sie unaufdringlich doch zu einem Wort verleiten, wie ich sie für mich erwecken könnte, denn eigensüchtig war es das wichtigstes Ziel auf meiner Reise in die Nacht geworden, ihren Mund, dieses Tor zu einer unermessliche Innenwelt, für Momente zu öffnen, den Zauber ihrer Stimme zu erfahren. Alles Weitere würde sich fügen, wenn ich erst nur dies erreichte!

Doch selbst als das Flugzeug abhob, in diesem kraftvollen Moment des Entfliehens, blieb ihr Antlitz wie in Stein gehauen, ungerührt. 

Wie sehr doch höchste Regsamkeit der Dumpfheit ähnelt.

Neben mir tat sich ein Geheimnis des Lebens dar: Der Gleichklang des Gegensätzlichen, die größte Kälte im Sonnenaufgang, die Tränen der Trauer und der Freude, das Stöhnen in Schmerz und Lust, das Lachen in Heiterkeit und Hysterie! Ich fühlte, dass ihr bloßer Anblick mich nach Weisheit und Erkenntnis drängte, und ich entschloss mich, es ihr gleichzutun und in mich gekehrt himmelwärts zu gleiten.

Sophia und ich schritten zum Altar. Ihr strahlend weißes Hochzeitskleid rauschte den steinernen Weg eines säulenbegrenzten Ganges entlang, kein anderer Laut durchbrach die Stille des großen Augenblicks, der sich uns vorbereitete. Sie würde das Ja-Wort sprechen, erstmals würde sich ihr Mund öffnen, und ihr Mezzo würde warm von allen Wänden widertönen, hinaus in das All, das Wort für mich, das Echo für die Ewigkeit. 

Ihr Kleid rauschte, der Boden schwankte unter mir, wir waren ineinander versunken, miteinander entrückt; in Seligkeit schritten und schritten wir und das Kleid rauschte. Doch plötzlich verzerrte sich das glückliche Schwanken zur Unruhe. Grob und bedrohlich durchrüttelte es meinen Körper, und mit lang gezogenen, störenden Misstönen durchwirkte plötzlich eine minderwertige, dumpfe, gierige Welt das Licht der Zeremonie und schreckte mich auf.

Mein Blick fiel durch das Flugzeugfenster. Die Tragflächen vibrierten unter dem Druck einer mächtigen Gewitterfront, das gleichförmige Rauschen hatte sich zu unruhigen Wellen verformt. Für einen Moment bäumte ich mich gegen dies Schicksal auf, wollte mit Gewalt zurück, riss den Kopf herum, zu ihr, der Frau an meiner Seite, um zu sehen, ob auch sie bebte und litt wie ich.

Doch welche grauenvolle Wendung! –

Sophia lag immer noch neben mir, das nächtliche Gewitter hatte vergebens an ihrem Gleichmut gerüttelt. Doch ihr Mund war nun geöffnet – und mit einem Mal begriff ich, dass das Knarren, das mich geweckt und meine Zukunft zerstört hatte, nicht von Wind und Wetter herrührte. Sie! Sophia!

Noch nie hatte ich jemanden so schamlos laut schnarchen gehört. 

Die müde Namenlose schlug nun endlich ihre Augen auf. Sie schleckte mit der Zunge derb über die Lippen, lächelte, nein, grinste mich albern an und bemerkte etwas völlig Überflüssiges zur Unruhe des Flugs. Schreckerstarrt fixierte ich dabei ihr pferdeähnliches, gelb-schwarz verfärbtes Gebiss, betäubt durch den ungehobelten Ton ihrer blechernen Stimme, und nie wieder spürte ich eine so ausgeprägte Dankbarkeit, aus einem Traum erwacht und den Überraschungen der ehelichen Endgültigkeit rechtzeitig entflohen zu sein. –

Als Folge dieses Flugs erlosch meine Leidenschaft für das Charakterhaupt. Und im Durchleben all der Widrigkeiten, auf die mich meine Schwärmereien immer wieder stießen, keimte allmählich der Gedanke, dass mein Leben auch ohne Frau an meiner Seite glücken könnte.

Freilich lockten immer wieder Idealgestalten, vollendete Leitsterne, aber ich wollte mich damit begnügen, ihr Lächeln respektvoll aus der Ferne zu genießen.

Und doch geriet dieser Entschluss ein letztes Mal ins Wanken – zum größten Unglück, denn die folgende Episode traf den allertiefsten Grund meines Gemüts.

Dabei hätte ich gewarnt sein müssen, denn wieder war es ein Schicksalstag im Januar, an dem sich die Tragödie vorbereitete, die diesmal keinen hormonberauschten Jüngling traf und auch keinen allzu phantasiebegabten Mann im besten Alter, sondern einen abgeklärten Rentner, dem das Leben jede Möglichkeit bereits geboten hatte, der Abenteuerlust zu widerstehen und Gelassenheit zu pflegen. – 

Es begann nach einem wahrlich sensationellen Konzert. Die erste Symphonie von Johannes Brahms befieberte den Saal (möge dieser Umstand mich entlasten).

Die Frau war mir mit ihrem Cello bereits im Orchester aufgefallen. Mitten in der Statik dieses Klangkörpers, wo Emotionen nur beherrscht aus den Fingerspitzen in die Instrumente überflossen, geleitet von einem ebenso gefassten Dirigenten, war sie mit ihrem Instrument wie ein Pendel hin und her geschwungen, vor, zurück, unruhig, unbezähmbar, herausragend eins mit der wunderbar unheilschwangeren Musik.

Als ich sie nun, nach der heftig akklamierten Darbietung, in der Künstlerkantine aus nächster Nähe wiedersah, faszinierte mich die Frau noch mehr. Ein Freund, der im Orchester spielte, hatte mich an diesen verrauchten, überfüllten, rohen Ort geführt, um an diesem Abend mit mir Erinnerungen zu bereisen. Doch dazu kam es nicht, denn die Cellistin gesellte sich zu uns. Ihr Name war Olga. Sie hatte nichts von einer typischen Schönheit, auch nichts von einem ausgeprägten Charaktergesicht; bemerkenswert schien mir lediglich die Ebenmäßigkeit ihrer Zahnreihen, die zu präsentieren sie in wiederkehrenden Gefühlswogen nicht müde wurde. Ihre Züge wirkten androgyn, ihre großporige Haut auffallend vom Leben gezeichnet. Die dunklen, steifen Haare trug sie schulterlang und als einzigen Schmuck eine unpassend zarte, einreihige Perlenkette über der schwarzen Bluse sowie einen schmalen, zu weiten goldenen Ring am kleinen Finger der linken Hand. Ihre unweibliche Gestalt wirkte wie der Auswurf eines feinen, empfindungsvollen Inneren, grob geradezu, unwürdig ihrer genialen Musikalität.

Indes verfügte sie über eine außergewöhnlich einnehmende, Humor sprühende Art, die mich zugleich begeisterte und irritierte. Denn so, wie sie in die Reihen ihrer Orchesterkollegen etwas zu viel Bewegung brachte, lachte sie auch etwas zu laut, kam sie anderen bei ihren Erzählungen etwas zu nahe und ärgerte sie sich etwas zu intensiv über Nichtigkeiten. Ein Bündel an Leben – aber gerade in dieser Intensität dem gemeinen Leben fremd und fern.

Mich faszinierte ihre widersprüchliche Persönlichkeit um so mehr, als sie auch ihr Interesse an mir verdeutlichte, zunehmend aufgewühlt und rückhaltlos. 

So endete der Abend, nachdem mein Freund sich taktvoll und erstaunt zurückgezogen hatte, unverhofft als Rendezvous.

Schon am nächsten Tag traf ich Olga wieder, und unentwegt gelang es ihr nun, mich zu überraschen und zu verblüffen. Noch nie hatte ich einen Menschen erlebt, der sich mit einer solchen Treffsicherheit von einer Stimmung in die nächste fortbewegen konnte, als ob er einer Partitur folgte und die Noten durch sein Leben zum Klingen brachte, perfekt geübt in der Kunst der steten Veränderung, aber gleichermaßen frei, ohne Zweifel daran, dass das Schicksal formbar sei. Sie interpretierte und komponierte, las meine Gedanken und folgte ihrer Spur, um für den nächsten Takt eigene Noten zu entwickeln und mich damit einzunehmen.

Unsere Symphonie führte aus der Harmonie von Geborgenheit und Häuslichkeit hinaus zu den alten Gipfeln pubertärer Abenteuerlust und wieder zurück zur gemütlichen Fensterbank, an der zwei Menschen still das Leben betrachten.

Olgas Souveränität darin, das Morgen zu planen, als ob es ein Gestern nie gegeben hätte, erweckte in mir den Jungen, der sein ganzes Leben noch vor sich und die Last seiner Erkenntnis glücklich überwunden hat.

Nach nur wenigen Wochen war unsere Hochzeit geplant.

Hätte ich über diesen Schritt ein wenig nachgedacht, so hätte ich wohl eingestehen müssen, dass mich weder Liebe drängte, noch eine ausgeprägte Leidenschaft, sondern lediglich die dumme, völlig unbegründete Lust am Aufbruch in eine neue Welt, zu einer neuen Lebensform.

Aber ich dachte nicht, sondern lebte dem Tag unberührt entgegen, schenkte Olga dann und wann ein Lächeln, plante in sachlichem Gleichmut unsere Hochzeitsreise, organisierte Flugzeuge und Hotels und alles schien gut, bis ich sie zwei Tage vor dem Termin mit ihrem Cello in einer dunklen Ecke meiner Wohnung fand, ein paar letzte Takte aus dem Wozzek kratzend, der in seinem Wahn soeben Marie getötet hatte. Sie zuckte wild, Tränen vertrockneten auf ihrem harten Gesicht, und nun ließ sie sich ermattet fallen, die verkrampften Finger am Hals der tönenden Waffe, bis sich die Saiten stumm ergaben.

Hilflos starrte Wozzek nach dem Mord an seiner Frau ins Leere, herüber zu mir.

„Diese Hochzeit war der Traum meines Lebens“, flüsterte er mit gebrochener Stimme.

„Olga!“, rief ich und blickte verwirrt auf das gequälte Gesicht. „Was hast du?“

Sie schüttelte nur schwach den Kopf, während ich das Häufchen Elend, das da vor mir lag, in unerklärlicher Hartherzigkeit um so abstoßender fand, je offensichtlicher es litt.

„Erzähl mir doch, was dich bedrückt“, forderte ich mit verhaltener Stimme, Verständnis signalisierend und meine Ungeduld verbergend.

Minuten des Schweigens folgten. Ich hatte mich auf den Boden gekniet und hielt die Schulter des bebenden Fremden umschlossen, so fest und zärtlich ich konnte. Endlich brach eine fremde Stimme aus dem Kummer und gestand in gebrochenem Flüstern: „Mein Name war nicht immer Olga. Erst seit neun Jahren heiße ich so!“

Ich bemühte mich, den häßlichen, verweinten alten Augen, die unruhig tastend an mir Halt suchten, ein zuversichtliches Lächeln zu schenken. „Ich finde Olga recht passend für dich!“, sagte ich wahrheitsgemäß.

„Ja“, nickte sie erschöpft, und ein Lächeln durchflog den anhaltenden, schicksalhaften Moll-Akkord, der ihre Kraft und Eloquenz vernichtend übertönte. „Aber du musst meinen früheren Namen kennen!“

Ich antwortete nicht. Unwillkürlich lösten meine Finger die schützende Umarmung und klammerten sich an das Cello, das stumm und geheimnislos vor uns lag.

Noch bevor der Name „Roberto“ ausgesprochen war, war ich von ihr abgerückt, endgültig rücksichtslos und kalt. Keiner der triebhaften Auswüchse des menschlichen Wesens war mir jemals fremder gewesen, als das Intimste zwischen Mann und Mann. 

So endete unsere Affäre in einer vagen Bekanntschaft, die sich auf das Musikalische beschränkte. Das große gemeinsame Abenteuer hätte mich überfordert. – –

Deshalb, liebe Freundin, werde ich nun an deiner Seite tatsächlich zum ersten Mal vor den Traualtar treten, und du wirst es mir nachsehen, dass ich diesen Schritt zu dir und mit dir nicht im Januar tun möchte. Gedulde dich ein wenig! Du hast dir einen Graukopf erwählt, dem das Leben zwar Reichtum und Wohlstand, aber keine Weisheit geschenkt hat, der ein wenig abergläubisch wurde, sich aber unverdrossen und naiv von Hoffnung leiten läßt.

Wie freue ich mich über die Frühlingssonne, als die Du in mein verwelkendes Leben lachst.

Wie freue ich mich über diesen hellen, ungetrübten Glanz, der weder körperliche Schönheit sucht, noch Besitztum oder Geldschein.

Dass Du, mein hübscher, blonder, stupsnäsiger Schatz, schon mit 21 Jahren diese hohe Lebensreife zeigst, stimmt Deinen Greis ein wenig neidisch!

 

Hinweis: Diese Erzählung stammt aus dem Band „Lebensnähe – 12 Erzählungen von Werner Huemer“