Weihnachtsfriede

Grafik: Roger GutIch hatte Jens einige Monate lang nicht gesehen. Als wir uns an diesem kalten Adventssonntag im Café trafen, um, unbeeinflusst von schönem Rotwein, endlich wieder einen ordentlichen weltanschaulichen Disput auszutragen, verzichtete er auf eine Begrüßung.

„Ich habe Dein Buch gelesen!“ Er warf die Bemerkung wie einen Stein in den Raum, und ich rätselte, ob in dieser Wurf Triumph, Provokation oder einfach nur seine erfrischende Direktheit zum Ausdruck brachte.

Er meinte Abd-ru-shins „Im Lichte der Wahrheit“, die „Gralsbotschaft“. Ich hatte ihm dieses Buch, das mir selbst viel zu denken gegeben hatte, vor einiger Zeit geschenkt. Einerseits, weil ich aus Erfahrung wusste, dass Jens, auch wenn seine Beurteilungen bisweilen in intellektuelle Fallen führten, immer auf der Suche nach Erkenntnis war. Und andererseits, weil ich einfach wissen wollte, wie er darauf reagiert. Nun würde ich es erfahren.

„Hallo, Jens“, sagte ich, während er mir gegenüber Platz nahm.

Er musterte mich nur. „Und?“ fragte ich.

„Eines steht fest“, antwortete er. „Wenn ich so mit meinen Schülern sprechen würde wie Abd-ru-shin mit seinen Lesern, würden mir wohl die meisten davonlaufen!“

„Wahrscheinlich würde eine solche Sprache bei Dir auch nicht sonderlich authentisch wirken!“

„Ja“, gab Jens nach einem Moment des Grübelns zu. „Das hat mir dann auch zu denken gegeben. Denn im Grunde sagt der Autor: Liebe Leute, hier ist die Wahrheit, unverfälscht und allumfassend. Ich biete Euch keine Belege und keine Literaturhinweise, Ihr könnt das alles nehmen, wie es ist – oder eben nicht. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, Ihr müsst selbst erkennen, ob das die Wahrheit ist!“

Ich nickte zustimmend, etwas überrascht von seiner Zusammenfassung. „Das alles hat mich ein wenig an den biblischen Absolutheitsanspruch erinnert“, fuhr Jens fort, „an die überlieferten Jesus-Worte ,Ich aber sage Euch …' Und normalerweise lässt ein solcher Anspruch bei mir die Alarmglocken schrillen. Aber gleichzeitig muss man Abd-ru-shin ernst nehmen … denn offenbar war er alles andere als ein abgehobener Esoteriker. Seine Analysen der menschlichen Schwächen und gesellschaftsweiten Fehlentwicklungen sind messerscharf auf den Punkt gebracht … auch wenn sie vielleicht machmal etwas weit gehen.“

„Hattest du Vorurteile?“ fragte ich.

„Natürlich. Mir sind schon Deine Gedanken manchmal zu mythologisch durchsetzt, lieber Wolfgang. Üblicherweise kann ich mit Fakten mehr anfangen als mit Gleichnissen und Märchen. Da erzähle ich dir nichts Neues …“

„… weshalb unsere Gespräche auch immer so herrlich spannungsgeladen sind …“

„… ja, aber wenn ich dann von feinstofflichen und urgeistigen Ebenen lese, von der Wesenlosigkeit Gottes und der Wirklichkeit des Heiligen Grals, dann steht unvermeidlich zunächst einmal der Zweifel im Raum – um es vorsichtig auszudrücken!“

„Und den hast du inzwischen besänftigt?“

„Keine Ahnung. Als ich gestern mit den drei Bänden durch war, habe ich mir gesagt: So, Du hast den Brocken erst mal geschluckt, und jetzt wirst Du ihn auch in Ruhe verdauen. Jedenfalls ist es die Sache wert, gründlicher darüber nachzudenken. Es gibt in den Vorträgen ein paar Dinge, die ich hinterfragen möchte. Aber das Buch vermittelt irgendwie auch eine Art Angekommensein, die Gewissheit, dass es Sinn und Ziel im Leben gibt … ach, vergiss das lieber gleich wieder, das hört sich ja schon überverklärt an!“

„Ich habe nichts gehört“, sagte ich, „und kenne natürlich keinen religiös verbrämten Jens!“

„So soll es auch bleiben. Sprechen wir lieber über die Kanten und Klippen in der Gralsbotschaft. Weißt du, was mich vor allem unangenehm berührt?“ Ich schüttelte den Kopf. „Das Gefühl, durch zahlreiche Verhaltensregeln dirigiert zu werden“, sagte Jens.

„Was meinst Du konkret?“, wollte ich wissen.

„Die Warnung vor dem unbedachten Duzen zum Beispiel oder vor Hypnose und okkulten Dingen … immer wieder werden Gefahren durch feinstoffliche Bindungen beschrieben. Dadurch kann doch Angst entstehen, Menschenfurcht, Einsamkeit. Oder sektiererisches Verhalten – man fühlt sich nur noch in einem Grüppchen Gleichgesinnter zu Hause und verurteilt den Rest der Welt als fehlgeleitet … und das wäre nun wirklich nicht mein Ding!“

„Darüber habe ich auch schon nachgedacht“, gab ich zu. „Aber ich glaube, diese Gefahren resultieren nicht wirklich aus der Gralsbotschaft, sondern aus der Jahrtausende alten Glaubenstradition, durch die wir geprägt sind. In den christlichen Konfessionen ging es im Grunde doch immer nur um das starre Befolgen von Regeln und Geboten!“

„Ich glaube nicht, dass mein Denken irgendwie von religiösen Traditionen beeinflusst ist. Darüber bin ich wirklich hinaus“, protestierte Jens.

„Aber du musst zugeben, dass gerade Ablehnung Vorurteile prägt. Wer die traditionelle Art von Religiosität nicht ausstehen kann, wittert sie überall. Ich glaube jedenfalls nicht, dass Abd-ru-shin starre Regeln aufstellen wollte. Er hat Gegebenheiten geschildert, die viele nicht mehr ausreichend empfinden können, und vor manchen Dingen gewarnt, denen man womöglich allzu unkritisch gegenübersteht. Aber er wollte die Freiheit und Selbstverantwortung bestimmt fördern, sonst hätte er doch nicht Sätze formuliert wie zum Beispiel: Wenn ich nun aber sage: ,Tue dies und jenes, lasse das‘, so gebe ich damit nur schwache, äußerliche Krücken, auf denen niemand richtig und selbständig gehen kann.* Das heißt doch klipp und klar, wir müssen im Leben selbst laufen, über das richtige Verhalten immer wieder neu entscheiden. Wir sollen uns nicht nur auf Krücken, also auf Gebote und Verbote verlassen.“

Jens schmunzelte und schubladierte meinen Redefluss wohl eher als missionarischen Eifer: „Immer das passende Zitat zur Hand … Naja, ich will jetzt keine Assoziation zu passionierten Bibelforschern konstruieren …“ Ich überhörte den Seitenhieb – so etwas gehörte zur Würze unserer Gespräche –, denn im Allgemeinen hörte Jens gut und genau zu. „… für mich wird es jedenfalls immer dann schräg, wenn für jemanden eine Lehrmeinung, eine Verhaltensregel, eine Idealvorstellung oder ein Dogma offensichtlich wichtiger ist als der Nebenmensch", sagte er.

Ich nickte. „Darin sind wir uns einig.“

„Gut“, meinte Jens, „dann wäre diese Hürde genommen. Das Abschleifen der weiteren Kanten und Klippen können wir auf unsere nächsten Lebensjahre vertagen und für heute Weihnachtsfrieden beschließen. Einverstanden?“

Ich nickte abermals. Und während draußen die ersten Schneeflocken in die junge Nacht tanzten, genoss ich den Duft des Kaffees, die heimelige Wärme und die Ahnung, an meinem Freund Jens künftig womöglich noch ganz andere Seiten kennenzulernen.

 

* Vortrag „Was hat der Mensch zu tun, um eingehen zu können in das Gottesreich?“ (Band 2)