Unter Trümmern

Grafik: Roger GutIch genoss den Anblick des glitzernden Wassers, das im milden Licht der Sonne badete und der Herbstwind munter bespielte. Gerade fragte ich mich, wie es wohl wäre, jetzt noch, viel zu spät, hier im Altausseer See zu baden, einfach kühn die Kühle zu durchschwimmen, als sich schräg von hinten ein wuscheliger Kopf in mein Gesichtsfeld schob und mich jäh zusammenzucken ließ.

„Wolfgang“, stellte die vertraute Stimme fest und ließ mir weder Zeit zur Flucht, noch bot sie mir Gelegenheit, eine freundschaftliche Geste zu erwidern. „Du bist's wirklich! Schön, dich hier zu sehen. Aber ich halte dich nicht auf, muss gleich weiter, ein Termin. Friedlicher Fleck hier, nicht wahr? Wenn man dagegen denkt, was sich in der Welt so tut! Inzwischen ist ja endgültig heraus, dass das World Trade Center gesprengt worden und kein Flugzeug je ins Pentagon geflogen ist. Aber es ist ein starkes Stück, Tausende in den Tod zu schicken, nur um einen Grund für Krieg zu finden und an neues Öl zu kommen! Aber naja, so ist eben die Welt!“

Die glühenden Augen des Wuschelkopfs starrten mich an, ich drückte mich so fest ich konnte an die Lehne meiner Bank. „Glaubst du das wirklich?“ fragte ich, halb erschlagen von den Trümmern seiner Theorie.

Ich kannte Michaels Neigung zum Sprechdurchfall, aber seit er sich als Experte für Verschwörungen betätigte, konnte seiner wild nach allen Richtungen quellenden Gedankenflut nichts und niemand Einhalt bieten. Er selbst am wenigsten. Wahrscheinlich glaubte er auch, dass Elvis Presley und Bruce Lee noch lebten und die Nachkommen von Jesus Christus und Maria Magdalena im Visier kirchlicher Geheimbünde stünden.

„Ja, klar“, sagte er, eine Sekunde lang erstaunt, dass man in Sachen WTC noch Zweifel haben konnte. „Das war eine einzige große Inszenierung, so perfide konstruiert, dass nicht einmal die Handlanger bemerkten, welchem Plan sie dienten. Aber die Kriegstreiber haben ja erreicht, was sie wollten – und kontrollieren inzwischen uns mit ihren Anti-Terrorgesetzen. Aber was können wir schon tun? So ist eben unsere Welt!“

Uns, wir, unsere … Ein wenig störte es mich doch, so selbstverständlich in sein Boot gesetzt zu werden, also begann ich vorsichtig mit einer Widerrede: „Hör mal, lieber Michael, vielleicht solltest du das alles ein wenig differenzierter sehen. Ich bin ja auch recht kritisch, was das …“

Er wartete das Ende meines Satzes gar nicht erst ab und lachte mich herzhaft aus. „Dir fehlt wohl noch der Durchblick dafür, was mit uns gespielt wird. Kein Wunder! Aber du musst entschuldigen, keine Zeit für Nachhilfe! Wir sehen uns, mach's gut – und Kopf hoch trotz allem!“

Er tippte mir noch freundschaftlich auf die Schulter – und schon war er auf dem Waldweg hinter mir verschwunden.

Was hatte ich mir für diese Stunde vorgenommen?

Ach ja, in aller Ruhe hatte ich meine Gedanken übers Bewusstsein ordnen wollen, um fit für das Gespräch mit meinem Freund Jens zu sein, diesem netten alten Atheisten. Aber ohnehin bietet stets das Leben die profundesten Lektionen für die Selbsterkenntnis.

Irgendwie, wurde mir jetzt klar, sind wir Menschen immer Gefangene der eignen Überzeugung. Und wer sich nur mit grauer Theorie begnügt, aber die unmittelbare Lebenserfahrung scheut, kommt auf der Karriereleiter vom Mitläufer zum Fanatiker ungebremst voran. Also, Wolfgang, wachsam, sein!

Mit dieser Ermahnung und der Zuversicht im Herzen, derlei Fallstricke zu durchschauen, versuchte ich nun doch noch ein wenig zu entspannen. Das milde Licht des Herbstes half mir dabei freundschaftlich, aber leider zwang mich ein wiederkehrender Reflex, von Fall zu Fall die Augen aufzuschlagen, um nachzusehen, ob nicht wiederum ein Schatten von hinten sich über mich legt. Der Verschwörer Michael ließ sich nicht so schnell aus meiner Innenwelt verjagen. –

„Du sieht mitgenommen aus!“ begrüßte Jens mich freundlich und setzte sich mit leisem Ächzen zu mir auf die Bank, um sogleich zu versichern, dass wir unser lang geplantes Streitgespräch auch getrost verschieben könnten, wenn mir nicht wohl zumute sei. Der prächtige Herbsttag ginge ihm durchaus auch ohne einen Disput über das menschliche Bewusstsein zu Herzen.

Ich versicherte, dass mir momentan gar nichts Angenehmeres widerfahren könne als ein vertieftes Wechselspiel von Meinung und Gedanke. Nachdem ich Jens geschildert hatte, was mir widerfahren war, schloss er die Augen, genoss das Sonnenlicht und lächelte wissend.

„Ich hätte dir keinen besseren Beweis liefern können, lieber Wolfgang“, sagte er dann und blickte mich mitleidig an. „So sind wir Menschen – berechenbar im Verhalten, eindimensional im Denken, simplen Mustern und Ideen verpflichtet, maschinengleich. Bewusstsein ist nichts anderes als Aktion und Reaktion, wobei unser Gehirn die Illusion von einem Ich entwirft … was mir im Hinblick auf die Evolution auch sinnvoll erscheint: Ein Ich will überleben und kämpft mit allen Mitteln um seine Vorteile. Die Ich-Illusion ist wohl der Schlüssel für den Erfolg der Gattung Homo sapiens!“

„Moment, Moment“, wehrte ich ab. Jens hatte es wieder einmal im Handumdrehen geschafft, das ganze Heer meiner Widerspruchsgeister kampfbereit zu stimmen. „Ich gebe dir zwar recht darin, dass im Ich das Wesen unsres Menschseins liegt. Aber weshalb sollte es eine Illusion sein? Nur weil sich unter Scannern und auf Monitoren ein Ich nicht dingfest machen lässt? Glaubst du denn wirklich, es gibt nur das, was unsere Wissenschaft messen und beweisen kann?“

„Darum geht es doch gar nicht!“ Jens spielte den von einer allzu simplen Unterstellung Angerührten. „Aber wäre das Ich tatsächlich keine Illusion, müsste sich doch irgendwo in unserem Menschsein Freiheit zeigen. Und die, mein lieber Freund, ist nirgendwo zu sehen – nur Prägungen, Abhängigkeiten, simple Archetypen. Sag dem Süchtigen, dass er die Kippe wegtun, dem Depressiven, dass er doch einfach schmunzeln soll – oder von mir aus dem Musikantenstadl-Fan, dass Jethro Tull die würzigeren Rhythmen bietet! Du wirst verständnisloses Kopfschütteln ernten, nichts anderes!“

„Ich bitte dich!“ rief ich, „das alles sind doch nur Randerscheinungen. Bestreitest du ernsthaft unsere Willensfähigkeit?“

„Ja, und glaube mir, diese Erstarrung in festgezurrten Lebensrollen ist nicht nur eine Randerscheinung. Sie beschreibt das Wesen des Erwachsenen und vermutlich schon des Kindes. Aber wenn die Augen eines kleinen Menschen noch lebenslustig aus dem Köpfchen leuchten und kindliche Naivität unseren Eindruck trübt, dann übersehen wir das schon Festgefügte gern. Nein, nein – keine Illusionen bitte! Der freie Wille ist nur eine Täuschung. Die Zeit der Märchen ist vorbei, und was jetzt kommt, weiß ich auch nicht.“

Jens sagte nun nichts mehr, blickte mich nur noch fragend an. „Ich hoffe dennoch“, antwortete ich nach einer Weile, „dass dich deine Vorliebe für die Fieberphantasien des Materialismus anderen Blickwinkeln noch nicht ganz verschlossen hat!“

„Du kennst mich doch!“ beruhigte er, „tapfer wie ich bin, habe ich mich im aussichtslosen Kampf gegen Prägungen jeglicher Form noch nicht ergeben!“

„Vielleicht führst du diesen Kampf auf falscher Ebene“, erwiderte ich. „Betrachte dich doch einmal nicht von außen, führe dir einfach das Wunder des Erlebens zu Bewusstsein – hier und jetzt. Wir diskutieren über Verschwörungstheorien …“ – „… und andere Beweise für die menschliche Hilflosigkeit“, warf Jens ein, aber ich ließ mich nicht ablenken. „Egal, worüber wir philosophieren – entscheidend sind doch die Empfindungen, die wir dabei erleben: unsere Freundschaft, die Freude am Gedankenaustausch, die Besonderheit dieses Herbsttages … Wenn wir über Bewusstsein sprechen, dann geht es letztlich nur um solche Qualitäten des Erlebens. Aber weil das, was unser Leben erst zum Menschenleben macht, uns allzu nah und selbstverständlich ist, stellen wir in uferloser Klügelei alles in Frage, selbst unsere eigene innere Lebendigkeit. Dabei ist Bewusstsein doch der Beweis dafür, dass es mehr gibt als nur Materie – und man benötigt für diesen Beweis nicht einmal ein wissenschaftliches Experiment. Denn man kann ihn Tag für Tag in sich und mit sich selbst erleben!“

Jens schmunzelte: „Du hast das Märchenhafte immer schon gemocht!“

„Warum nicht?“ fragte ich. „Was das Gemüt berührt, ist oft der beste Mantel für die Wahrheit!“

„Ich bevorzuge die Tatsachen im allgemeinen nackt“, sagte Jens. „Und längst unbestritten ist – unter Philosophen und sogar schon unter Theologen – dass der freie Wille gar nicht existiert. Damit ist doch der subjektive Eindruck, den wir von uns haben, objektiv betrachtet falsch. Weshalb also sollte nicht auch das Gefühl eines Ich-Bewusstseins nur ein Winkelzug unsrer grauen Zellen sein?“

„Die Annahme, es gäbe keinen freien Willen, ist doch purer Unsinn! Und komme mir jetzt bitte nicht mit der Gehirnforschung!“ bat ich, denn über dieses Thema hatte ich in letzter Zeit schon allzu oft hitzig diskutiert. Jens aber lachte unbeirrt. Ich hatte es befürchtet – genau darauf wollte er hinaus!

Aber das ist eine andere Geschichte …