Ein prächtig erblühter Kaktus

Grafik: Roger Gut„Seien wir doch einmal ehrlich“, resümierte Jens und versandte seine Einladung zur freundlichen Zustimmung mit einem treuherzigen Blick. „Wenn man die Fakten nüchtern betrachtet, spricht doch eigentlich alles gegen die Existenz Gottes.“

Ich war von der jähen Schlussfolgerung meines alten Freundes gründlich überrascht, denn unser Gespräch hatte das Thema „Glaube“ eigentlich nur am Rande gestreift. Aber ich hakte nach. „Welche Fakten meinst du denn?“ fragte ich ihn – und mich selbst zugleich, ob es vielleicht nicht doch besser gewesen wäre, einander zunächst etwas vorsichtiger zu begegnen. Immerhin lagen zwischen unserer Bekanntschaft im Jugendcamp und dem heutigen Wiedersehen gut 30 Jahre und gewiss höchst unterschiedliche Erfahrungen. Aber Jens war schon damals gern ohne Umschweife auf den Punkt gekommen, und ich fand es aufregend, jene Gespräche über Gott und die Welt, mit denen wir uns als pubertierende Wahrheitsforscher einst die Nächte um die Ohren geschlagen hatten, in reiferer Art fortzusetzen.

Jens war also offenkundig auf den Pfad des Atheismus geraten. „Weißt du“, begann er, „ich kann ja gut verstehen, dass die Menschen früher an einen rauschebärtigen alten Herrn geglaubt haben, der über den Wolken wohnt und unsere Geschicke wie ein Marionettenspieler dirigiert. Aber heute – ich bitte dich … so eine Vorstellung ist doch kindisch!“

„Naja“, wandte ich ein und bemühte ein naheliegendes Argument, „man kann ja auch an Gott glauben, ohne dass man sich ihn dermaßen menschlich vorstellt. Vielleicht sollsten wir uns überhaupt keine Gedanken über die Art oder das Aussehen von etwas machen, das unser Begriffsvermögen sowieso übersteigt!“

„Aha“, kommentierte Jens, lächelte hintergründig und ließ seine zynische Ader pulsen: „Und weil das der typische Gottesglaube ist, findet man in den Kirchen so viele Bildnisse, deshalb sprechen die Gläubigen Gott im Gebet als ihren Vater an, und deshalb ist Christus in die Gestalt eines jüdischen Zimmermanns geschlüpft!“

„Moment, Moment!“ erwiderte ich. Mir war klar geworden, dass der Atheismus meines Freundes kein zartes Pflänzchen im beginnenden Wachstum war, sondern bereits einem prächtig erblühten Kaktus glich. Allerdings begleitete seine spitzen Verbalattacken ein sympathisches Augenzwinkern, das Offenheit gegenüber guten Gegenargumenten signalisierte. „Eines nach dem anderen. Lassen wir zunächst einmal alles beiseite, was mit kirchlichen Traditionen und Glaubenslehren zu tun hat“, schlug ich vor.

„Einverstanden“, nickte Jens, während seine Schultern zuckten. „Dann verzichten wir am besten auch gleich auf Jesus Christus, dessen historische Existenz ohnehin schwer genug beweisbar wäre!“

„Soll mir recht sein“, antwortete ich. „Bleiben wir also fürs erste bei der Gretchenfrage, ob es Gott gibt.“

Jens' Augen versprühten ungebrochene Angriffslust, aber das suchende Zwinkern in ihnen war noch unübersehbarer: „Die Antwort lautet nein“, betonte er seine Überzeugung. „Gott war doch schlicht und ergreifend immer nur ein Füllwort für das Unerklärbare. Wir Menschen konnten die Vielfalt der Welt und des Lebens nicht begreifen, also glaubten wir an abstruse Ideen wie die von einer Schöpfung in sieben Tagen. Heute wissen wir, dass sich in Wirklichkeit alles langsam entwickelt hat – und in groben Zügen wissen wir sogar schon, wie das alles geschah: auf der Grundlage von Naturprinzipien nämlich! Der Rückzugsraum für den guten alten Marionettenspieler ist bereits ziemlich überschaubar geworden. Überdies konnte, soviel ich weiß, noch kein göttliches Schöpfungskunststück unter wissenschaftlichen Bedingungen live dokumentiert werden.“

Ich entschloss mich, den Zynismus meines norddeutschen Freundes nicht zu kommentieren, obwohl mich das flapsige Gerede über den Ursprung aller Lebenswunder etwas unangenehm berührte. „Meines Erachtens“, wandte ich ein, „ist es ein grundlegender Irrtum, Gott nur außerhalb der Naturgesetze zu vermuten!“

Jens dachte nach und antwortete dann ernst und bestimmt: „Gott lässt sich von Wundertaten aber schwer trennen. Der brennende Dornbusch, die ägyptischen Plagen, Jungfrauengeburten, Totenerweckungen, Auferstehung … die Bibel ist voll von solchen Geschichten. Gott wirkt Wunder, Dinge, die eigentlich nicht sein dürften. Du wirst nicht bestreiten, dass man genau dadurch Gottes Allmacht definiert!“

Ich nickte. „Sicher, im Allgemeinen wird das so gesehen. Und ich glaube so wenig wie du daran, dass sich die Existenz Gottes durch Wunder beweisen lässt. Aber lass uns – meinetwegen als Arbeitshypothese – davon ausgehen, dass die große Initialzündung, die vor 14 Milliarden Jahren Raum und Zeit geboren hat, die Folge eines Schöpfungsaktes war.“

„Arbeitshypothese“, wiederholte Jens kühl, „meinetwegen!“

„Wenn also ein Willensakt Gottes das Universum hat entstehen lassen, dann wäre es doch naheliegend, dass auch die Bedingungen, unter denen sich alles formt und entwickelt, also die Naturgesetze, ein Ausdruck des Gotteswillens sind. Naturgesetz und Gotteswille – vielleicht drücken diese Begriffe ja ein und dasselbe aus!“

Jens gab sich zufrieden. „Gegen diesen Gedanken kann ich momentan nichts einwenden. Allerdings wäre dann Gott nichts anderes als eine neutrale, umfassende Kraft … die weder Wunder gegen die Natur wirkt …“ – „Genau“, ergänzte ich, „denn weshalb sollte Gott etwas gegen seinen eigenen Willen wollen?“ – „… noch in den Alltagskram der Menschen eingreift. Und Gott wäre somit eine Kraft“, resümierte Jens, „die in ihrer unpersönlichen Sachlichkeit weder die Kirchen noch die Gebete der Menschheit nötig hat! Dann frage ich mich aber: Wozu religiöses Gehabe? Weshalb beten, danken, wünschen, bitten? Die Kraft wirkt sowieso unabhängig und unbeeinflußbar von uns!“

Ich musste schmunzeln. Jens war eine harte Nuss, aber das Gespräch war offen und gut und brachte uns dem Kern der Sache näher.

„Zweifellos“, gab ich zu, „könnte man Gott als eine unpersönlich-sachliche Art von Energie betrachten – aber nur, wenn auch die Schöpfung lediglich Materie und Energie wäre. Das Wesentliche ist jedoch nicht wirklich, dass es chemische Elemente oder physikalische Eigenschaften gibt. Das Entscheidende ist, dass wir diese Welt – so, wie sie eben ist – erleben können, dass es Bewußtsein gibt, das sich entwickelt und erweitert und die Materie für sich nützt!“

„Ja“, nickte Jens, etwas verwirrt – „… und?“

Ich führte meinen Gedanken also zu Ende: „Wenn sich in der Schöpfung alles letztlich um Bewustsein drehen sollte, dann kann Gott als Ursprung dieser Schöpfung nicht nur irgendeine neutrale, sachliche Form von Strahlung oder Energie sein, sondern es muss sich zugleich um das höchste, intensivste Bewusstsein handeln. Und so gesehen finde ich es durchaus legitim, wenn wir uns darum bemühen, durch Sammlung und Verinnerlichung irgendwie Anschluss und Zugang zu diesem höchsten Bewusstsein zu finden.“

Jens blickte mich etwas erschöpft an. „Arbeitshypothese“, wiederholte er.

„Ja – aber spricht etwas dagegen? Jedenfalls“, sagte ich abschließend, „zieht unser eigenes Bewusstsein dem Materialismus und auch dem Atheismus den Stachel. Denn die Lebendigkeit unserer Innenwelt ist doch der beste Beweis dafür, dass es viel mehr gibt als das, was sich im Experiment beweisen lässt“.

Jens atmete hörbar aus. „Eine kühne Behauptung, mein lieber Wolfgang“, stellte er dann fest, „die ich so nicht im Raum stehen lassen kann. Wir sollten rasch eine Gelegenheit herbeiführen und ausführlicher darüber plaudern. Bei Euch Ösis kann man doch schön Urlaub machen!“

„Ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass wir das Thema gelegentlich vertiefen“, antwortete ich und schlug einen gemeinsamen Herbsturlaub im Salzkammergut vor.

Aber das ist eine andere Geschichte …