Dezemberlicht

1. Advent

Zäher Frühnebel dämpfte das Pulsieren in den städtischen Adern und dämpfte vor allem das junge Licht. Zweifellos schöpfte der trübe Tagesbeginn aus derselben grauen Quelle wie meine profane Morgendepression. Wieder war ich einer traumlosen Nacht entkommen, um mein Bewusstsein der verschleierten Sonne gleich in einen neuen Tag zu heben, in weitere durchwachte Stunden, die abermals unbedeutend enden würden. Was sollte ein Misanthrop in meinem anspruchsvollen Alter auch erwarten, gefangen in seinen schon fest versiegelten Eigenwilligkeiten und allein in einem Haus, das ihm in stummer Selbstverständlichkeit täglich ein weiteres Stück über den Kopf wächst?

Er konnte sich allenfalls in dem Bewusstsein ergehen, die Abhängigkeit des Kindes, den Selbstfindungsschmerz des Jugendlichen und vor allem das belanglose Gestrampel des Erwachsenen im Broterwerb glücklich überwunden zu haben, all das nicht mehr und hoffentlich nie wieder durchleiden zu müssen.

Aber an diesem Dezembermorgen grub sich eine unerwartete Sehnsucht durch den Staub des Abgeklärten und tastete nach einem neuen, fernen Horizont, als ob eine treu sorgende Schicksalsmacht meine Gedanken vorbereitend schon jetzt dem leuchtenden Abendrot dieses Tages zuführen wollte. Ich wäre tatsächlich spontan bereit gewesen, mir doch abermals das Brandzeichen einer Familie aufglühen zu lassen, mich vom Orkan jugendlicher Triebe blenden und vom Räderwerk der Liebe erneut zerreiben zu lassen. Ich hätte sogar mein Denkvermögen noch einmal der schulischen Zucht hingeworfen. Jede lebensrote Fleischwerdung wäre mir in diesem flüchtigen Moment der Flucht als gut genug erschienen.

Aber meine Gedanken hielten den Klimmzug nicht und fielen hinab ins Gedenken, wie meist um diese Tageszeit. Sobald ich die Tür hinaus ins Leben öffnete, bekroch mich die Melancholie, und umso vehementer, wenn draußen, wie an diesem Morgen, schwere Nebel das Sonnenrund zum matten Scheinwerfer erniedrigten. Die Leere im Haus würde bleiben, wenn ich nun hinaus in den Advent ging, und würde weiterhin bleiben, nachdem ich wieder zurückgekehrt war. Und die Unkrautmeile hinter dem Haus, die akut im Frost erstarrte, würde sich auch künftig zwischen den Jahrestakten der Wintermonate weit und weiter ausbreiten, weil der Besitzer dieses Gartens starrköpfig seinen Schmerz an ihm zelebrierte. Früher hatte hier Karins Wildnis gewuchert, ihr wohl gelenkter Dschungel aus Blumen, Kräutern und handlichen Felsstücken, die wir übermütig aus Bachläufen, Schluchten und Steinbrüchen hergeschleppt hatten. Und im Haus hatte ein kreatives Kunterbunt in und auf und unter den Schränken von sprudelndem Leben gezeugt.

Aber nachdem übel gelaunte Nornen beschlossen hatten, Karin aus ihrem und meinem Leben zu reißen, unerwartet, um Jahrzehnte zu früh, waren die Tischflächen und Kastenfronten, die Schränke und Läden, die Dachbodenwinkel und Kellernischen nun ganz so, wie ich allein es liebte: sauber, ordentlich und übersichtlich, herrlich unbetastet von jeglichem Leben, wunderbar tot, während draußen das Grün zu meinem Vergnügen die Wege und Randsteine überwucherte und jegliche Kultur in herrlichen Farben und Formen verschlang. „So ist das Leben ohne Karin!“, schrie mein Dschungel allen Nachbarn und der sich stetig vergrößernden Schar von Voyeuren entgegen, und sie alle antworteten mit gehörigem Kopfschütteln.

Mein Vormittagsspaziergang würde mir für eine Stunde ein paar vertraute Gesichter der Stadt in Erinnerung rufen, die Putzfrau würde sich indes erfolgreich der Entropie im Haus entgegenstemmen (und natürlich keinen unbefugten Schritt in den Garten tun); der weitere Tagesverlauf erschien beruhigend unspektakulär, und eitel genoss ich es, mich auf meinem Weg hinein in den Advent von den Lichterketten umkrönen zu lassen, die aus dem Nebelhimmel hernieder hingen.

Als ich mein Ziel, den kunterbunt beleuchteten Glühweinstand, erreicht hatte, riss mir der deftige Humor der übergewichtigen Wirtin den letzten melancholischen Schleier vom Leib. Herta war ein unverzichtbares Zentrum für städtischen Tratsch. Ihre dampfende Oase, die hier in jedem Jahr für ein paar Wochen dem Winter trotzte, betrieb sie mit charismatischem Eifer.

„Guten Morgen, Herr Rosegger!“ grüßte mich ihre sägende Stimme. Sie spielte mit der immer gleichen neckischen Bemerkung darauf an, dass sie vor Jahren in der Zeitung einige meiner zynischen Heimatgedichte gelesen hatte. Die Doppelbödigkeit der Verse war zwar etwas zu fein für das grobe Netz ihrer Wahrnehmung gewesen, dafür aber war sie seit dieser Publikation endgültig davon überzeugt, dass meine Physiognomie derart verblüffende Ähnlichkeit mit der des österreichischen Waldbauernbuben habe, dass mich dem Dichter gewiss eine ferne, unbekannte Verwandtschaft verbinden müsse.

„Wie geht’s? Alles in Ordnung?“ sägte sie.

Ja, alles war in Ordnung. Meine Frau war tot, meine einzige Tochter lebte mit ihren Kindern in Spanien, meine wenigen Freunde vertrieben sich die Zeit mit Nichtigkeiten, ich nahm täglich meine Herztabletten, und mein Sarkasmus verbreitete kein Feuer mehr, sondern nur noch Langeweile. Ich musste keuchen, wenn ich über Treppen kroch und auf dem Gehweg innehalten, wenn der Schmerz im rechten Knie allzu stechend wurde. Ein wenig lahm und vollends zahm. „Ja, alles in Ordnung!“, antwortete ich artig und verkündete Herta augenzwinkernd die frohe Neuigkeit: „Bald haben wir Weihnachten!“

Ihre Wangen glühten und lachten. „Wir wär’s mit einer Erwärmung?“, fragte sie, und ihr Kopf begleitete die Einladung zum Kauf mit einem eindrucksvollen, sich nach oben schraubenden Schwingen. Noch ahnte ich nicht, wie viel Zukunft in diesem Flügelschlag des Schmetterlings lag, aber die Leichtigkeit der Bewegung, der scharfe Kontrast zur Behäbigkeit ihres Körpers weckte die entscheidende Erinnerung in mir.

Ich genoss es, wie die Droge sanft durch meinen Rachen glühte und das Blut erhitzte, während der süß duftende Dampf aus dem Pappbecher Besitz ergreifend in mich drang, taktvoll begleitet von Hertas akustischen Seitenblicken und der unvermeidlichen Frage nach dem Zustand meines Gartens, deren Beantwortung ich routiniert durch launige Komplimente umschiffte. Indes waren meine Gedanken schon ein paar Gassen weiter geeilt, an das Haustor mit dem auffallend schrecklichen Plakat, an das mich Hertas Kopfschwingen gemahnt hatte. Ob es immer noch dort klebte?

Als eine zierliche, dunkelhäutige Frau, die jeden Schönheitswettbewerb der Welt gewonnen hätte, ihren Rollstuhl neben mir parkte und dem zahnlosen, nervös zitternden Greis, der darin kauerte, liebevoll das Gesicht säuberte, um dann etwas Wärmendes zu bestellen, nutzte ich die Gelegenheit, Hertas weiteren Recherchen zu entfliehen. Rücksichtslos gegen mein kaputtes Knie beschleunigte die Neugier meine Schritte.

Das hingekritzelte, übergroße Plakat war noch da. Und irgendwie passte es ganz gut zu der abbröckelnden Hausfassade, die ein gezieltes Postament gegen die städtische Modernität sein mochte – so, wie meine weithin bekannte Unkrautmeile allen Kultivierungsversuchen zu trotzen hatte.

Das Plakat lud ein zum „Walzer in den Advent“. Der ungewöhnliche Zeitpunkt für den Tanzkurs, der hinter dieser Protestfassade stattfinden sollte, war seit meinem letzten interessierten Blick – wohl wegen mangelnden Interesses – durch eine fett schwarze, aber sicher geführte Unterstreichung hervorgehoben worden. Er würde um 19 Uhr beginnen, heute Abend.

Was mich letztlich zu dem Entschluss bewog, als alter Tölpel Walzer tanzen zu lernen, vermag ich nicht zu sagen. Vermutlich eine finale Abenteuerlust, mit der ich schon lange schwanger gegangen war, um sie nun gezielt in die Welt zu entlassen; ein Kaiserschnitt in meine Langeweile. Jedenfalls packte mich schon nachmittags, durchaus angenehm, eine belebende Unruhe. Mein Kleiderschrank, vor dem ich schon seit Jahren nicht mehr sichtend und überlegend gestanden war, präsentierte eine beachtliche Kollektion unpassender Stücke, die mir entweder zu elegant oder aber dümmlich leger erschienen, weil sie einen jungendlichen Schwung vortäuschten, den mir meine morschen Gelenke schon lange gründlich ausgetrieben hatten.

Nein, verdeutlichte ich dem fragenden Spiegelbild, ein geistig aktiver Opa muss weder sportlich noch attraktiv auftreten. Der junge Mensch mag Vulkan sein, Feuer speien, mag sich, noch durstiges Land, willig und begierig allen Stürmen öffnen. Wer dagegen schon dem Lebenswinter fest verwoben ist, genießt den überschaubaren Alltag, vermeidet übergroße Quanten der Verausgabung und achtet gut darauf, dass nicht mehr wilde Kräuter zur Verdauung anstehen, als ein gemütlicher Almochse eben verträgt.

Nichtsdestotrotz fand ich mich abends pünktlich in dem Grüppchen walzerwilliger Damen und Herren ein.

Drei Damen, ein Herr und meine greise Wenigkeit, allesamt ohne erkennbare Affinität zum Wesen des Tanzes, bestarrten, desillusioniert und fasziniert zugleich, ihren Lehrer in der Mitte des Parketts: ein Bübchen mit glockenheller, noch gebrochener Stimme, soeben erst der Pubertät entkommen, aber schon im strengen Stresemann, unter gut geöltem Haar und offenbar gewöhnt an leere Säle. Ich fand diesen straffen Jungen durchaus originell. Seine Kühnheit, eine so schmale Stimme wie die seine beharrlich am Rand des Überschlags in den Saal zu schleudern, beeindruckte mich, und vor allem stand die allegorische Ausdrucksweise des Knaben in erheiterndem Kontrast zu seinem zarten Lebensalter. „Tanz ist Fluss“, dozierte er, „passen Sie sich an wie Wasser, meine Damen, und Sie, meine Herren, Sie sind das Bett, Sie leiten und führen und lassen das Wasser die Lenkung spüren!“

Anders als ich hatte mein Konkurrent am Tanzparkett, ein untersetzter, Kaugummi mahlender Mittvierziger in schlapper Hose und weißem Hemd, ein wenig Mühe damit, Knigges frühreifen Liebling als Instanz zu akzeptieren. Noch mehr Kummer aber bereitete ihm die Aufgabe, die eigene Bewegung einem Takt anzueignen. Trotzig verweigerten seine Beine den Walzergehorsam, während seine Achseln dennoch große dunkle Flecken in den Hemdstoff malten.

Mir wurden weniger die Schritte zur Herausforderung als meine wintersteifen Partnerinnen … die stöckelschuhbewährte, masselose Zwergin, deren Blick nur meine Brust streifte, während sie mutig hopsend mit den Fingerspitzen meine Schulter suchte; die schnauzbärtige alte Gärtnerin, die steif nach unten lugend Leben suchte, das zwischen unseren Beinen womöglich unerwartet sprießen könnte; und zuletzt die kantige, energische Griechin, die mich um Skalphöhe überragte und zackig im Vier-Viertel-Takt durch den Saal dirigierte.

Luft, Erde, Feuer, alle Elemente waren gegenwärtig, nur Wasser fand sich in dieser Wüste keines. Und ich hätte jeden außerirdischen Beobachter verstehen können, der nicht glauben wollte, dass die seltsamen Individuen, die sich in diesem Biotop gemeinsam tummelten, tatsächlich der gleichen Art angehören sollten.

Doch auch wenn mich bei diesem Walzerschnuppern alles, nur kein Wohlgeruch umfing und der Tanz in den Advent uns eher zu traurigen Figuren einer Gruselfarce erniedrigte, so erwies sich mein Entschluss, trotz des Schauderns und Ächzens revoltierender Gedanken durchzuhalten, letztlich als bestandene Bewährungsprobe. Denn nach der Folter durch die falschen Elemente tat sich an diesem ersten Advent der abendrote Himmel für mich auf.

Soeben hatte ich mich tapfer durch die Pause geplaudert und sogar kritiklos die kitschig verpoppten Traditionals ertragen, die währenddessen durch die Lautsprecher weihnachteten, gerade hatte ich den Kampf mit dem nun angetrauten Feind taktvoll wieder aufgenommen, als plötzlich unerwartet eine zarte Hand die Tür zum Ring behutsam öffnete. Ein verspätetes Mädchen trat lautlos ein, überblickte suchend und findend die Szenerie und glitt dann der großen Spiegelwand entlang hin zum jungen Knigge, der sie bald in unser Grüppchen schob.

Zunächst befürchtete ich einen Anflug von Alterswahn, denn wenn immer ich zu dieser zauberhaften Frau hinüber sah, war es mir, als beobachte sie mich, tatsächlich nur mich, als ließe sie ihren glückseligen Blick nicht mehr von mir. Und bald versuchte ich angestrengt zu ergründen, worin das Geheimnis dieses ewigen Lächelns lag, das ihrem Antlitz eingeboren war und das unruhige Treiben am Parkett mit stiller Heiterkeit veredelte.

Im Nu war sie, ganz Wasserwesen, den wenigen bisher geübten Walzerwellen nachgeflossen und hatte sich nicht nur in mein Gemüt getanzt. Der Mann mit dem Kaugummi, der sich mir zwar in der Pause höflich vorgestellt, dessen Namen ich aber sogleich wieder vergessen hatte, mein unvermögender Mitbewerber am Parkett, schien in ihrer Nähe von neuer Zuversicht beflügelt, bisweilen fand er nun sogar den Takt, aber als unser Lehrer zum Schluss des Abends in bester Gönnerlaune mit doppeltem Stimmsalto zur Damenwahl aufrief, wehte der Hauch des Paradieses mir entgegen. Es war kein Wahn. Aus unerklärlichen Gründen flog sie zielstrebig auf mich zu und schickte dabei eine so unbändige, magnetartige Kraft voraus, dass es mich größte Mühe kostete, sie in korrekter Tanzhaltung in Empfang zu nehmen anstatt die vertrauteste alte Freundin sogleich mit meinen Armen fest und fester zu umschließen.

Das Himmelswesen war gar kein Mädchen, wie es von weitem wirkte. In mein Leben trat eine reife Frau, deren strahlende Persönlichkeit aber keine Furchen in die Haut gesogen hatte. Die Winkel ihrer schmalen Lippen wiesen nicht nach oben und auch kein Grübchen oder Fältchen verriet das Geheimnis ihres Lächelns, das nun, von Angesicht zu Angesicht, funkelnden Auges hervorbrach, bis sie schließlich lebhafte lachte, ihr Gesicht regelwidrig dicht an mein Ohr führte und mir zart flüsternd gestand: „Ich habe Sie die ganze Zeit ansehen müssen!“

„Das … ehrt mich“, antwortete ich zögernd und führte sie, galant meine Verlegenheit überbrückend, zurück in die korrekte Haltung. „Und …“, schloss ich dann zaghaft an, „darf ich fragen, warum Sie mich angesehen haben?“ So halbwegs war es mir gelungen, meine Stimme zu einem sachlich kühlen Ton zu zwingen.

„Es ist eine lange Geschichte!“ lachte sie befreiend und fragte sogleich, freudig erregt durch ihren eigenen Gedanken: „Darf ich Sie nach Hause begleiten? Dann kann ich sie Ihnen erzählen!“

Ihre Augensterne strahlten in meine müden Pupillen. Ich schwebte wunschlos in der Ewigkeit und nickte nur in meinem Glück.

„Danke!“, hauchte sie, scheu und überschwänglich zugleich, und ergab sich meiner Führung.

In trauter Walzerseligkeit schwebten wir über das Parkett und dann hinaus in den Advent und weiter hinein in die entrückten, dunklen Vibrationen der Nacht, die mich seit Jahren nicht mehr so lustvoll irritiert hatten.

2. Advent

Wenn ein Mann spürt, dass die Tore seines Lebens sich zu schließen beginnen, wenn er im Alter von fast 50 Jahren noch keine Frau gefunden hat, auch nicht auf eine nachhaltig eindrucksvolle Partnerschaft zurückblicken kann, dann mag sich die Sehnsucht nach einer Zeugin für das eigene Dasein bisweilen in naiven, abenteuerlichen Eruptionen zeigen. Mich beflügelte an jenem Sonntagabend also nicht etwa die Erwartung, tatsächlich die Geheimnisse des Walzertanzes zu ergründen, nein, in Wirklichkeit trieb mich in diese Schule die jäh entflammte Hoffnung, hier endlich meiner Lebensliebe zu begegnen. Eine eherne Zuversicht hatte mich erfasst, die sich allen Enttäuschungen aus Jahren und Jahrzehnten mit Vehemenz entgegenstemmte. Schon spürte ich wohlige Zweisamkeit, schon fühlte ich, dass ich nach langer, einsamer Irrfahrt nun die Schwelle des Paradieses erreicht hatte. Es verbarg sich hinter dieser verfallenden Hausfassade, und ich würde es mit Elan erobern.

Jugendlich, salopp und siegessicher trat ich ein.

Doch mein hoffnungsfroher Traum musste sich zunächst im Angesicht unseres Tanzlehrers bewähren, eines unausgegorenen Bübchens, dessen penetranter Stimmbruch ein Fausthieb wider die Romantik war. Aber vielleicht noch mehr hatte der Traum seine bestimmende Kraft gegenüber meinem einzigen Mitschüler zu behaupten, einem introvertierten, argusäugig glotzenden Alten, dessen lauernde Blicke mich ständig streiften und dessen giftige Gedankenpfeile mich noch unsicherer und taktloser über das Parkett taumeln ließen, als meine unmusikalische Natur allein es je erfordert hätte.

Die Damenwelt fand ich indes entzückend. Ich mochte Sophie, diesen zierlichen Windhauch, der mich Tanz für Tanz mit Leidenschaft umwehte, ich genoss Paulas bockige Standfestigkeit und natürlich die wild entschlossene Dynamik von Konstanze, die mich von Beginn an jeglicher Bürde des Takts vollends entlastete.

Dann aber fesselte an jenem ersten Abend eine feenhafte Erscheinung meine Aufmerksamkeit – Nathalie. Doch nicht der Magnetismus zwischen Mann und Frau verband mich diesem Sonnenschein, sondern nur das sprachlose Staunen darüber, dass ausgerechnet dieser Engel aus irgendeinem Grund sogleich dem öden Grübelgreis entgegenflog. Gewiss, der lauernde Alte hörte unter uns Tauben am besten, aber sein bescheidenes Talent im Tanz konnte mir die strahlende Begeisterung nicht erklären, mit der sie ihn zum Abendende als ihren Partner auserwählte. Und noch weniger, dass die beiden nach dem letzten Tanz, uns anderen sogleich entfremdet, gemeinsam hinein in die Nacht gingen.

Als Nathalie am zweiten Sonntagabend abermals mit jenem Mann erschien, der sich glaubhaft hätte als ihr Vater und wohl auch als ihr Großvater erweisen können, überraschte mich das kaum. In der Pause aber verblüffte mich eine unverschuldete Beobachtung dann doch: Ich sah, wie sie innig mit ihrem Kuss seine alten Lippen belebte – hingebungsvoll und ausdauernd, bis sie meinen erstaunten Blick gewahrte, den ihr vergnügtes Lachen allerdings sogleich entwaffnete.

Nathalie – letztlich blieb dieses unerforschliche Naturwesen aber doch nur der Katalysator für das Wunder, das an diesem zweiten Advent mein eigenes Leben zu erhellen begann. Die erwartungsvolle Neugier über ihr Schicksal war es gewesen, die meine Zweifel, ob ich nach den ersten missratenen Versuchen überhaupt noch einmal das Parkett belasten sollte, überwogen hatte; aber bald, als wir uns in der hohen Kunst der Walzerwelle übten, bekam der Abend eine andere Gewichtung.

Neben dem argusäugigen Alten, der mir nun verjüngt und freundschaftlich gesinnt erschien, hatte sich noch ein dritter Mann zu uns gesellt, ein kleinwüchsiger Sonderling, der unverhohlen drängend an Sophie die hellste Freude fand, wohl, weil da endlich eine Frau ihn nicht um Haupteshöhe überragte. Und während unser junger Obertänzer vorzugsweise Paula wählte, um seine Schar Haltung und Schritt zu lehren, führte das Schicksal mir Konstanze zu. In ihren Stöckelschuhen war sie zwar etwas zu groß für mich, und ihr Tanz zeigte wohl auch etwas zu viel Eigeninitiative, aber sie besaß – ihrem schwingenden Namen zum Trotz – ein ähnliches rhythmisches Untalent wie ich.

Unsere Bestimmung füreinander erwies sich während des kläglich gescheiterten Versuchs einer Walzer-Linksdrehung. Die dafür nötige und mir grundsätzlich undurchführbar erscheinende Schrittfolge hält, so lernten wir, den Mann dazu an, seine Beine in der Drehung etwas über Kreuz zu führen. Und just in diesem energetisierten, doch instabilen Augenblick verlor meine Partnerin mitten im Schwung den Stand. Sie durchruderte mit zwei Armen und einem Bein Halt suchend die Luft, bis endlich ihre freie Stöckelspitze drehkraftverstärkt nach unten stampfte. Ich bewies meine Männlichkeit, indem ich dem stechenden Schmerz keine Beachtung schenkte und Konstanze trotz ihrer potentiellen Gefährlichkeit auch noch den letzten Tanz gewährte. Weil sie aber mein allzu schlecht gespieltes Lächeln schließlich doch nicht von der Ordnung aller Dinge überzeugen konnte, gestand ich ihr nach der vollbrachten Damenwahl, dass wohl ein Zeh gebrochen sei.

An diesem Abend verließen wir endgültig die Gefilde des Walzers. Beflissen bot Konstanze an, mich ins Krankenhaus zur Untersuchung zu begleiten. Sie habe nichts weiter vor, niemand warte auf sie, und sie bedaure ihre Ungeschicklichkeit so sehr!

Mein kärglicher Widerstand war bald gebrochen. Kein Umstand hätte besser meine Schmerzen lindern können, und ich genoss, ganz das hilflos in die Welt gesetzte Kind, ihre mütterliche Sorge, den Schutz einer mächtigen weiblichen Urgewalt. Freilich beschwichtigte ich ihre Schuldgefühle, beteuerte wieder und wieder, es wäre doch meine Aufgabe gewesen, sie sicher zu führen, aber vor allem badete ich selig in ihrem Mitgefühl, in dieser so unendlich lang nicht mehr erlebten Obhut.

Bald plauderten wir in trauter Nähe über die sonderbaren Motive, einen Tanzkurs zu besuchen und entdeckten einander unsere gleichgearteten Absichten. Bald amüsierten wir uns über walzerhungrige Greise und ergaben uns dem Schimmer des fahlen Mondlichts im Advent. Nie hätte ich es für möglich gehalten, einer Frau so rasch so nahe zu sein.

Als die Krankenschwester mir schließlich den Befund eröffnete, dass mein Zeh zweifach gebrochen sei, uferte Konstanzes Fürsorge aus. In einer unbeherrschten Gefühlswallung fiel sie mir um den Hals und drückte mich rücksichtslos, ehe sie dann kurz entschlossen mit ihren Händen mein Gesicht umfasste und mit ihrem milden, sinnlichen, ergebenen Kuss meine Einsamkeit verbannte.

3. Advent

Ich wollte Tänzerin werden, solange ich zurückdenken kann. Es war nicht nur der beherzte, kurzatmige Traum eines Kindes, sondern der frühe, wachsende Ausdruck meiner Sehnsucht nach Anmut, Eleganz und Schwerelosigkeit. Aber irgendwann zwischen Nacht und Tag an meinen 13. Geburtstag implodierte mein junges Leben. Im Takt eines irren Drückens und Ächzens zerrann das Vertraute zum Formlosen, das Heim zur Fremde, die Geborgenheit zur Einsamkeit; erstarrte das Lachen, zerbrach binnen Sekunden die Kindheit, verlosch die Erinnerung des kleinen Mädchens, und die meine begann.

Es war nicht die wüste Drohung des Vaters und weniger die Angst vor einem Abermals, die mein Gemüt verschloss, sondern die lähmende Erkenntnis, sich an der Welt getäuscht zu haben, die Liebe nur als Maske, Zuwendung als Vorwand, Wärme als Lüge erdulden zu müssen. In der Besudelung jäh zum Erwachen und Erwachsensein gezwungen, flüchtete ich hinaus in die Nacht, und als ich dem Mann endlich fern genug war, schlich ich gedankenleer zurück in die kalten Mauern, die mir das Zuhause vorgegaukelt hatten.

Der dumpfen Warnung des Vaters zu folgen und über das Vorgefallene zu schweigen, war mir leicht. Die Wand, an der ich baute, schuf ein Refugium der Sicherheit. Sie schützte mich vor jenen Hasstiraden und ekeligen Grölereien, die schon das Herz meiner Mutter gebrochen und ihren Verstand vernichtet hatten.

Doch bald zerbarst mein Seelenbau unter einem gellenden Schrei um Hilfe. Ich eilte zum Fenster meines Zimmers, sah in die Dämmerung hinaus, hinab in den Garten und hin auf die zusammensackende Gestalt des Vaters. – Da lief ich nicht, ging einfach nur, gedankenleer wie einst, bis ich vor dem regungslosen Körper stand, aus dessen Kopf ein stiller Fluss quoll, um sein Natursteinkissen bräunlich rot zu färben, während mir an ihm der gewohnte Dunst des Alkohols besonders süß im Duft erschien.

Als mein Denken wieder einsetzte, würgte der Abgrund mich zu sich hinab.

Warum war ich nicht gelaufen, um zu entkommen, um das Leben meines Vaters zu erretten?

Weshalb hatte ich nicht einmal nachgesehen, ob trotz seines folgenschweren Sturzes noch etwas für ihn zu tun war?

Gewiss, er hatte seine Lüste nicht bezähmen können. Aber unverzeihlich, unverzeihlich erschien mir nun, nachdem er begraben war, nur noch die Schuld, die ich selbst trug.

Ich hätte mein junges, dummes Leben damals in tiefer Selbstverachtung zu Ende gebracht, wäre mir an jenem Dezembertag nicht ein einsamer Spaziergänger begegnet, um mir wortlos sein Taschentuch zu reichen und die Tränen meiner Sehnsucht nach einer schwerelosen Welt behutsam zurück ins Diesseits zu leiten.

Peter betrat für einen wundervollen Tag mein Leben. Wie er selbst diese Begegnung empfunden hatte, konnte ich mir nie recht denken. Wahrscheinlich hätte er sich jedes Mädchens erbarmt, das verdrossen und verweint den Zauber des Advents versäumt. Für mich indes wurde seine rücksichtsvolle Zuneigung zum unergründlichsten Schicksal meines Lebens. Es schenkte mir den geliebten Vater wieder. Er stand an meinem Bettchen, lächelte besorgt und flüsterte: „Wach auf, kleine Nathalie, hab’ keine Angst, du hast nur schlecht geträumt.“

Es war beseligend, ihm alles und alles erzählen zu dürfen. Was ich in jener Nacht erlitten und an jenem Tag verschuldet hatte. Und als er es hörte, war er doch kein Vater, er verwies nicht auf das Muss und Soll der Welt, sondern erzählte schlicht vom Leben, das manchmal Einsamkeit und Kraft erfordere. Nichts weiter riet er mir, als mein Geheimnis gut und sicher zu verwahren, und nichts verlangte er von mir als ein Versprechen: Ich solle meinem Kindheitstraum folgen. Und wenn ich einst, in ferner Zukunft, eine große Tänzerin geworden sei, so würde es ihn beglücken, noch einmal das Freundschaftsband zu sehen, das er mir zum Abschied schenken wolle.

Ja, mitten auf dem Scheideweg hatte ich tatsächlich meinen Traum erwähnt. Verständnis- und empfindungsvoll, wie weihnachtliches Licht musste Peter mein Leben durchleuchtet haben, während ich, blind in meiner Dunkelheit, nichts von dem seinen wissen wollte.

Erst viel später ging mir auf, dass der Freund an meiner Seite ein Dichter war, der in der Stadt als sonderbar und schrullig galt.

Nie habe ich über diese Silberstunden meines Lebens mit jemandem gesprochen. Und das Netz, das Peter mir zur Sicherheit gewoben hatte, sein Angebot, wir könnten uns beizeiten nochmals treffen, blieb unbenutzt. Meine Bürde war erträglich, mein Horizont sichtbar geworden, und bald erschien mir jene schicksalhafte Begegnung, die mich auf- und ausgerichtet hatte, als weltenfern und peinlich. Ich floh die abgelebte Wirklichkeit, in der ich mich selbst nur schwach und elend sehen konnte, und überstürmte die Jahre meiner Jugend.

Das Freundschaftsband an meinem Handgelenk wurde mit den Wochen dünn und dünner, aber es löste sich nur im groben Stoff. Die feinen Fäden aus dem Webstuhl der Gedanken flossen munter weiter.

Jene Stunden blieben in meinem Erinnern fest verankert, und den Rest des alten Bandes verwahrte ich als teuren Schatz aus Jugendtagen. In den 30 Jahren, die seither an mir kneteten und formten, hat er mich treu begleitet, wenn das Ballett mich aller Welt entrückte, und mich in meiner Einsamkeit getröstet, wenn sich an den tiefen Wurzeln meiner Abscheu abermals ein Mann zerrieben hatte.

Die Arbeit auf den Bühnen führte mich aus meiner Heimatstadt, ließ mich den Ballast meiner Jugend ganz vergessen, und letztlich auch den zarten Wunsch des Dichters, das alte Band nochmals zu sehen. Es gab ja längst kein lebensmüdes Mädchen mehr, das die Schulter eines väterlichen Freundes brauchte, und gewiss hatten die Jahrzehnte auch in ihm die Erwartung ausgelöscht, jemals wieder an diese kurze Episode erinnert zu werden. Ich hatte erfahren, dass Peter verheiratet war, geschmunzelt, wenn immer ich in der Zeitung seine provokanten Heimatgedichte lesen und im Zynismus doch den Menschenfreund erkennen konnte, und ich hatte ihn gedanklich aus der Ferne wie einen nahen Freund begleitet, als Karin, seine kranke Frau, ihrem schweren Leid erlag. Ich war die Beobachterin eines fremden Lebens gewesen, dem mich ein karger Überrest von Stoff verband, und hatte doch nie den Gedanken, die surrealen Bilder meiner Innenwelt an der Wirklichkeit zu messen – bis nun eine Choreographie mich zurück in die Stadt meiner Jugend führte und sich plötzlich das Bedürfnis regte, noch einmal jenen alten Weg zu gehen, auf dem ein fremder Mann mir sein Taschentuch geboten hatte.

Es war der Abend des ersten Adventsonntags, an dem ich irgendwann vor Peters altem, dschungelähnlich umwucherten Haus stand, unschlüssig, was ich denn nun tun solle, aufgeregt wie ein kleines Mädchen und doch mit einem Mal erfasst von purer Leichtigkeit, als ob mich abermals mildes Weihnachtslicht durchflutete. Ich klingelte und klopfte, rief leise in die junge Nacht hinein, aber was die Dunkelheit des Hauses mich schon hatte ahnen lassen, bestätigte sich. Niemand war da.

Für Momente und Minuten verlor ich mich reglos in den Fragmenten meiner Erinnerung, ehe ich dann weiter schlenderte und ziellos den Lichterketten ins Stadtzentrum folgte, bis mich schließlich ein Duft von Glühwein umfing und die gewichtige Wirtin mich schon von weitem für ihren Verkaufsstand mit der Frage vereinnahmte, ob ich etwas Wärme brauchen könne. Ich nahm ihre Einladung an, versank im Epizentrum des urbanen Tratsches und konnte also sorglos fragen, ob vielleicht sie etwas vom Verbleib eines Dichters namens Peter wisse …

„Ach, der alte Herr Rosegger“, fiel sie mir ins Wort, um dem erwarteten Widerspruch sogleich lachend zu begegnen: „Ich weiß wohl, wen Sie meinen – ich ziehe ihn mit diesem Namen oft ein wenig auf. Heute, vor einer guten Stunde erst, hat er hier gestanden!“ Und nun beugte sie sich weit herüber, um mir das Wichtigste vertraulich und intim zu flüstern. „Falls Sie ihn suchen …“, hauchte sie ihre geheime Offenbarung, „… gerade hat mich Paula angerufen, eine Freundin, und erzählt, dass sie mit ihm getanzt hat.“ Nachdem sie das Wort „getanzt“ bedrohlich betont und dabei fast meine Nasenspitze erreicht hatte, ging sie zurück auf Blickdistanz. Ihre Augen funkelten und sie wuchs in ihrem Wissen, als sie mit laut sägender Stimme bekräftigte: „Ja, der alte Schelm besucht tatsächlich einen Tanzkurs!“ –

Wenig später sah ich jenen Mann, der dem Morgenrot meiner Innenwelt angehörte, seit Jahrzehnten erstmals wieder. Alt geworden, aber munter im Walzertakt herumstolpernd, dirigiert von einem jungen Lehrer und drei älteren Frauen. In meine Freude mischte sich profane Heiterkeit, doch da ich keinerlei Signale dafür sah, dass auch seine Erinnerung sich glücklich löste, fasste ich den launichen Entschluss, den Kreis der Schülerinnen um ein Kuriosum zu erweitern.

Aber auch die Nähe in Gespräch und Tanz, zu der es mich fast magisch drängte, führte ihn nicht auf meine Spur. Zunächst hatte ich ihm das Geheimnis meiner Aufdringlichkeit auf dem Weg zurück gestehen wollen, die ganze Geschichte des verzweifelten Mädchens, das einem guten Rat und einem großen Traum gefolgt war, die Geschichte der Choreographin, die ein Jahrzehnte altes Freundschaftsband verwahrt. Dann aber erzählte ich sie aus Rücksichtnahme nicht. Er erfuhr nur von meinem Beruf, von meiner Wertschätzung seiner Gedichte, und von dem Zufall, dass ich an einem Glühweinstand von seinem Aufenthalt hier erfahren hatte. Es war jener Teil der Geschichte, der seiner spontanen Freude, mich kennenzulernen, entgegenkam, und er umsäumte eine wundervolle Nacht der Zuneigung und Anteilnahme, die mir lebensnah wie nie zuvor den Tag der Wiedergeburt in meinem jungen Leben vergegenwärtigte.

Die Naivität meines Ansinnens, ich könne unbedacht und uferlos mein Glück genießen, weil sich an einen alten Vaterfreund doch keine Bande knüpfen könnten, wurde mir erst später klar.

Am folgenden Sonntagabend traf ich Peter wieder, abermals spontan erfasst von unbeschwerter Heiterkeit und Freude. Wir tanzten und scherzten, waren Kinder, die das Walzerspiel spielten. Unsere Schritte und Gedanken flossen zu- und ineinander … bis ich ihn in einer Pause spontan und ungebremst von der Vernunft mit einem Kuss belastete.

Das Erstaunen eines Beobachters quittierte ich mit jenem gut geübten Wunderlächeln, das man im Ballett auch unter Schmerzen stets bewahrt, aber in diesem Augenblick erwachte ich in der bitteren Gewissheit, meinen Weg verloren zu haben. Solche Küsse spiegeln keine Seelenliebe, sie bezeugen den Drang nach Nähe. Was wollte ich? An welcher Zukunft baute ich?

Peter hatte sich einfach dem Moment ergeben. Gut gelaunt betrachtete er ihn als Überschaum des Temperaments einer wohl etwas unterforderten Tänzerin, aber im Glanz seiner jungen Augen sah ich deutlich jene Art von Liebe glühen, die ich gewiss nicht hatte wecken wollen. Ob er nun die Melancholie verspürte, die sich in mir von Tanz zu Tanz verdichtete und wie er mein allmähliches Verstummen deutete, konnte ich nicht nachempfinden. Aber mit dem letzten Walzer entschloss ich mich zum Abstand, und ich begleitete ihn im fahlen Mondlicht dieser Nacht nach Hause, ohne passende Worte zu finden.

Eine Woche später, am Abend des dritten Advents, war ich erneut die Beobachterin seines Lebens. Aus einer engen, dunklen Häuserzeile blickte ich hinauf zum Tanzraum, dessen helle Beleuchtung in scharfem Kontrast zur verfallenden Hausfassade stand. Wie eine Diebin, die Vertrauen gestohlen hatte, eine Lügnerin, die die Wahrheit verbogen, eine Mörderin, die Hoffnungen ertötet hatte, verbarg ich mich vor der Welt. Er würde mich dort oben vermissen. Und ich vermisste ihn.

Irgendwann löste ich meinen Blick von dem weiß strahlenden Raum und mein Gehör von den verklärten Walzermelodien, die mit dem kalten Wind durch die Lüfte waberten und ging einsam hinein in die lichtlose Nacht.

4. Advent

Das Licht hatte sich den hungrigen Blicken entzogen. Dichte, zähe Nebel hingen schwer über der Stadt, ließen den Tag ergrauen und schwärzten die Nacht. Eine drohend drängende Dunkelheit erfüllte den Advent, jagte die Erinnerungen, erzwang Geständnisse und schürte Hoffnungsfunken.

Herta, das übergewichtige Faktotum glühweindurstiger Flanierer, verarbeitete sorgsam alle Schicksalsfäden, die sich an ihren dampfenden Herd heranschlängelten, schlürfte sie begierig auf, speicherte sie ab und leitete sie kommentiert an ihren duftenden Dunstkreis weiter.

In diesen Wochen woben sich ungewöhnliche Knoten in den Teppich des städtischen Lebens. Vor allem beobachtete Herta eine Besorgnis erregende Affinität zur merkwürdigsten menschlichen Ausdrucksform, Tanz genannt. Der Wirtin selbst war jegliche Figurenbildung wesensfremd. Die sonderbare Lust, sich in Rhythmen zu ergehen, musste, dessen war sie sich gewiss, das Symptom einer Bewusstseinsstörung sein. Aber diesen Erkenntnissen zum Hohn huldigte man just in vorweihnachtlicher Zeit der Walzermajestät.

Zunächst hatte sich ihre alte Freundin Paula, deren Standfestigkeit an sich außer Frage stand, plötzlich entschlossen, einen Tanzkurs zu besuchen. Nun übte die Besessene bereits vier Wochen lang. Sogar zu Hause wirkte die Verirrung nach! Aber vielleicht, so stand zu hoffen, würde sie ja nach dem Abschlussabend wieder zur Besinnung kommen. Mit ihr war ein schon zum Greis ergrauter Dichter. Bislang hatte Herta in ihm den introvertierten, aber besonnenen Leuchtturmwärter vermutet, der mit seinen Gedichten Lichter in die Wildnis sendet, doch vor allem die Besinnlichkeit im Schutz des Türmchens pflegt. Und nun entpuppte sich auch dieser Literat als tanzverliebt. Nun ja, die beiden würden nicht als Traumpaar enden.

Herta schmunzelte bei diesem Trostgedanken und empfing in alter Heiterkeit die neue Kundschaft.

Das auffallend kleinwüchsige Paar war lachend durch den feinen Nieselregen gelaufen und hatte Hertas Bude soeben erreicht, als noch eine weitere Gestalt der Nacht entkam. Paula rang erschöpft um Atem, aber sie bedeckte die Blöße ihrer Kondition mit Eleganz, ließ ihren Blick über die anderen schweifen und verkündete der Wirtin stolz, dass sie in Gestalt ihrer Kundschaft drei Tanzkursabsolventen vor sich sehe.

Hertas Applaus beschränkte sich auf die Sorgfalt im Würzen der Getränke, während sie, um keinen Schicksalsfaden zu verlieren, beiläufig nach den andern Schülern fragte. Besonders Herrn Roseggers Glück und Ende interessierte sie. Doch bevor die Mutmaßungen über dessen Abwesenheit am letzten Abend ausufern konnten, erreichte ein weiteres Paar den Quell: Er humpelte ein wenig unbeholfen, sie aber stützte ihn, fest und aufrecht wie eine griechische Säule. Nun, diese beiden hier, erwog Herta mit Zuversicht, könnte wohl kein träger Schwung betäuben. Schon hoffte sie auf Nachschub für ihre einsame Front gegen den Walzer. Doch zeigte sich zu ihrer größten Überraschung, dass ausgerechnet dieses frisch geeinte Pärchen sich ebenfalls im Tanz ergangen und überdies noch just bei jenem Kurs gefunden hatte.

Mit ihrem Plaudern, Lachen und Fachsimpeln über Schritte, Tritte und Takte bestiegen Hertas Gäste nun gemeinsam die Empore der Auserwählten; sie selbst musste einsam zurück bleiben – eine Unwissende, Ausgestoßene, der sich die Elite verschloss.

Dann aber fand sie die gesuchte Angriffsfläche. Als Herta nämlich erlauscht hatte, weshalb ihr Gast nun humpelte, ätzte sie sogleich lautstark in die Nacht hinein: „Ein doppelt gebrochener Zeh!“ Und mit dem kraftvollen, ungenierten Wortschatz ihrer Buden-Subkultur brachte sie zum Ausdruck, dass eben im Tanz doch kein nobler Sinn zu finden sei.

Aber ein hartes Schicksal fügte, dass nun noch ein Streiter Hertas Gegenwart erreichte. Leichtfüßig und blitzschnell hatte auch der junge Tanzlehrer den Regen hinter sich gelassen und erfreute sich der beiden altbekannten Schüler. Das verbliebene Grüppchen seines Kurses hatte er eingeladen, um den Abschluss hier mit einem warmen Trunk zu würdigen. Nun aber fand er Hertas Fehdehandschuh vor, und er nahm ihn sogleich stilvoll auf.

„Meine sehr geehrte Dame“, – ein kompromissloser Unterton begleitete die helle Stimme – „Sie ziehen aus einem Missgeschick den falschen Schluss! Denn bedenken Sie: Alles ist Bewegung, alles dreht sich! Im Takt des Tanzes folgen wir dem Pulsschlag des Lebens. Wir spüren die Fliehkraft, die uns vor Erstarrung bewahrt! Tanz ist Harmonie von Führung und Hingabe, Aktivität und Passivität, ein universelles Grundprinzip …“

Das lauschende Grüppchen vor Hertas Oase schwankte. Zwar kannte man den altklugen Jüngling zur Genüge, aber dieser Monolog klang doch etwas grenzfanatisch. Andererseits, so nickte man einander zu, tat es doch gut, Herta stummgestellt zu finden. Und so malte die helle Stimme, befeuert von den bunten Gedankenwölkchen ihres Umfeldes, weiterhin Lichter der Erkenntnis in die Nacht: „Meine Dame, in der Umrundung der Tanzfläche spiegelt sich der Ringschluss unseres Seins … das Ende, das glücklich zurück in den Anfang findet, aber die Essenz der Bewegung, die Erfahrung in sich trägt, um in der nächsten Runde höheres, tieferes Erleben zu ermöglichen. Das Jahr endet mit der dunkelsten Zeit, um zur Weihnacht neues Licht zu finden. Mögen Sie unseren Tanz in den Advent als Vorbereitung für den Jahresaufbruch sehen.“

An dieser Stelle tastete der feierliche Blick des Jünglings über das ungewöhnliche Menschengrüppchen, dessen ungewöhnlichster Mittelpunkt er selbst war.

Hertas Staunen verlängerte den Nachklang beträchtlich. Schließlich führten alle ihre Gäste, wie aus der Ferne dirigiert, in synchroner Eintracht wortlos ihren Becher zum Mund, um das Gehörte mit einem tiefen Schluck in sich zu trinken, während die Wirtin in zartem Nicken ihre Streitbarkeit begrub. –

Die Begebenheiten, Stunden und Tage, die den Weihnachtsabend vorbereiten sollten, hatten ihre Pflicht getan. Durch die Straßen der Stadt stürmte eisiger Wind und zerstäubte die letzten Nebelschwaden. Der greise Mann, der wartend an der Schwelle seines Hauses stand und doch auf dessen Schutz verzichtete, erschien im Spiel der Kräfte wie ein Schatten, wie eine unbedeutende Silhouette, von der niemand hätte sagen könne, ob sie noch durchglüht von Leben war.

Irgendwann nahte eine zweite Gestalt, es mochte eine Fee, eine Himmelsbotin sein, und trat bedächtig vor den Alten. Minutenlang lagen die Blicke der beiden ineinander, nur die Gedanken stellten Fragen, nur die Gedanken boten Antwort – bis sie schließlich wortlos den Arm hob und ihre Handfläche öffnete, um deren kostbaren Inhalt endlich seiner Erinnerung zu schenken.

Zögernd und zitternd griff der Mann nach dem zerfransten alten Band, während sein Blick bedächtig auf- und abwärts, nach oben und zurück nach unten glitt, tief in ihre Augen und wieder hinaus auf das längst vergessene Geschenk.

Schließlich entspannte die Erlösung seine harten Züge und netzte ihm zugleich behutsam die Augen. Die Woge der Erkenntnis durchfloss ihn mild und doch mit ungeheurer Wucht. Noch wusste er nichts zu sagen. Seine Empfindungen irrlichterten durch Erinnerungen und Gedanken, durch Jahre, Jahrzehnte und vor allem durch die letzten bittersüßen Wochen. Schließlich legte er, dem Widerstreit in sich zum Trotz, seinen Arm um ihre Schulter, väterlich, freundschaftlich, sinnlich und behütend. Sie ließ ihn dankbar gewähren, schmiegte ihren Kopf an seine Schulter, legte ihren Arm um seine Hüfte und ging mit ihm ins Haus.

Der Weihnachtstag war angebrochen. Der Wind schlug noch wild gegen die Tür, aber es dämmerte am Horizont Dezemberlicht.

Hinweis: Diese Erzählung stammt aus dem Band „Lebensnähe – 12 Erzählungen von Werner Huemer“