Das Mädchen und die Sünde

Ein ungelenker Drang zur Frömmigkeit keimte in dem zarten Knaben. Niemand hatte ihn je zum Gottesglauben angehalten. Seinen gründlich atheistisch gesinnten Eltern wäre der Gedanke, irgend etwas einem unsichtbaren Schöpfer zuzuschreiben, sonderbar erschienen. Und schon gar nicht hätten sie ihrem Jungen beigebracht, man könne Jesus Christus, dem Sohn des Allmächtigen, seine Gedanken und Hoffnungen anvertrauen. Für sie hing das kleine Holzkreuz mit der Messinggestalt des Erlösers nur als bedeutungslose Zierde über dem Tisch des Kinderzimmers.

Doch für Horst war dieses Kreuz etwas Besonderes. Seine Oma hatte es ihm geschenkt, es grüßte ihn aus einer Welt milder Geborgenheit und unbekümmerter Gemütlichkeit. Jeden Abend vor dem Einschlafen, wenn er sicher wusste, dass Vater, Mutter und Ewald, sein älterer Bruder, den Raum nicht mehr betreten würden, kniete er sich neben sein Bett, faltete die Hände, wie er es in der Kirche gesehen hatte, und erzählte Jesus Christus von seinen Sorgen und Nöten. Er bat auch immer darum, dass er von schlimmen Träumen verschont bleiben möge. Zum Schluss kletterte Horst dann auf den Tisch und küsste die Füße seines Erlösers am Kreuz. Damit fühlte er sich sicher und behütet für die Nacht.

Er hatte sich dieses Ritual selbst erdacht, aber er glaubte doch gewiss, dass im Geheimen jeder Mensch seinen Tag in ähnlicher Form beendete, denn der Gottessohn würde ja sicher nicht nur ihm zur Seite stehen. –

Horst mochte zehn oder elf Jahre alt gewesen sein, als er einzusehen begann, dass all die großen, Christus verpflichteten Gedanken doch nur ihm selbst so wertvoll waren. Der Bruder und die Freunde fanden Glaubensdinge schlichtweg langweilig, und als Horsts Zimmer neu eingerichtet wurde, konnte nur Omas geschickt erwirkte Fürsprache dem kleinen Holzkreuz weiterhin seinen Platz über dem Schreibtisch sichern.

Immer noch wandte er sich abends an den Gottessohn, und manchmal, wenn sein Kummer groß war, küsste er die Füße der kleinen Figur am Kreuz mehrfach – obwohl er den öligen Geruch des Messings ekelerregend fand. Doch diese Überwindung, diese kleine Bußeübung zwang er sich zu leisten. –

Noch inbrünstiger waren die Empfindungen, die er später im Gymnasium genoss und erlitt.

Ihr heiliger Name war Ursula, sie war soeben dem Märchenbuch entstiegen, und ihre Erscheinung stürzte Horst in Begeisterung und Ohnmacht gleichermaßen. Mädchen waren für ihn an sich nur schwer verkraftbar. Der linde Druck, den er in weiblicher Gegenwart verspürte, stieg ihm allzu oft peinlich heiß zu Gesicht! Er rettete sich dann durch Flucht oder suchte Schutz auf verborgenem Beobachterposten. Ursula aber, die strahlendste Idealgestalt von allen, überforderte Horst vollends. Wenn er sie sah, versteinerte er; wenn sie fern war, beherrschte sie doch seine Gedanken. Er verträumte den Tag und wünschte sich nun sogar Träume für die Nacht. 

Doch wusste er in dieser bittersüßen Unruhe nicht weiter. Seine Freunde ließen das Feuer ihrer jugendlichen Triebe ungezügelt lodern. Ihm jedoch blieb das Mädchen, das er so sehr liebte, unerreichbar fern. Ursula war älter und reifer, ihr gegenüber fühlte er sich wie ein Kindergartenspross, der sich ungewollt in diese Schule verirrt hatte.

Natürlich betörte ihre blühende Schönheit auch die anderen, aber weder die hüftlangen, braunblonden Haare, die Ursulas feenhafte Gestalt umspielten, noch andere Attribute ihrer Weiblichkeit trübten die anspruchslose Ausgelassenheit, mit der ihr alle kumpelhaft verbunden waren.

Horst indes erstummte gegenüber Ursula, wenn immer sie ihm nahe kam; nie konnte er ihr auch nur ein Wort entgegenbringen, und doch wurde es ihm von Schweigen zu Schweigen stärker zur Gewissheit, dass er sich keinem anderen Mädchen je würde in Liebe zuwenden können. Es gab für sein Leben nur dieses eine, dieses höchste Lichtwesen. –

Eines Tages endlich ermannte Horst sich, Ursula anzusprechen. 

Der sorgfältig geplante Erstkontakt sollte im überfüllten Schulbus stattfinden. Hier, in der schützenden Öffentlichkeit, wollte er ihr ritterlich, indes wie nebenbei seinen Sitzplatz bieten.

An der Haltestelle drängte sich Horst aus der Spitze der Menge in den Bus, besetzte eilig Ursulas Platz und wartete gespannt darauf, dass das einzig leuchtende Lebewesen von der grauen Masse, die lärmend das Fahrzeug durchquoll, hin zu ihm geschoben würde. Und als es so weit war, als ihre Taille nur noch zentimeterweit vor seinem Auge stand, blickte er hoch zu ihr und sagte mutig seinen Satz. Sie aber lohnte es ihm nicht, würdige ihn keiner Antwort, keiner Geste, nicht des geringsten Blickes. Sie stand nur da und blickte ehern aus dem Fenster, über den rotwangigen Knirps, der unter ihr ins Nichts versunken war, stolz hinweg.

Vielleicht, so tröstete sich Horst, war er ja nur akustisch nicht zu ihr durchgedrungen.

Aber jeden Tag betete er nun inständig um die geliebte Ursula. Er bat Jesus Christus um irgendeine Gelegenheit, dieses herrlichste Geschöpf doch zur Freundin zu bekommen, und er lohnte es dem Kreuzesbild des Gottessohnes allabendlich mit zehn Küssen. –

In den Sommerferien, Monate nach der Affäre im Bus, schienen seine Bitten erhört. Sein Freund Klaus überraschte ihn zum 16. Geburtstag mit der Einladung zum Wochenende in den Bergen. Mehrere Jungs und Mädchen aus der Klasse würden mit dabei sein, unter ihnen auch, wie Horst durch unauffälliges Nachfragen erfuhr, Ursula!

Die Aussicht, gemeinsam mit ihr Zeit in einer Hütte zuzubringen, belebte und betäubte sein Denken. In freudiger Unruhe durchwachte er die Nacht vor dem großen Tag.

Aber dieser Tag kam – und er drohte schon wieder erfolglos zu verstreichen. Denn Horst hatte sich bisher nur in ablenkende Gespräche mit Freunden geflüchtet, hatte glücklich Ursulas Nähe genossen, aber bis in die Nacht hinein nicht den Mut für mehr gefunden.

Nun beobachtete er, wie sich aus dem abendlichen Lagerfeuer letzte Rauchfäden vor dem Hüttenfenster vorbei in die Nacht schlängelten, wie das matte Licht des Vollmondes langsam in den Raum drang. Hellwach lag er in der Stille. Unruhig und unzufrieden mit sich selbst starrte er im Halbdunkel auf Ursula. Nur wenige Meter vor ihm hatte sie sich in eine Decke gehüllt. Sie schien ruhig zu schlafen. 

Morgen! Morgen würde er es endlich wagen, sie anzusprechen!

Doch was, wenn sie wieder einfach nicht reagierte? 

Das Kribbeln im Bauch raubte ihm angenehm den Schlaf – bis plötzlich, langsam und vorerst noch verhalten, Bewegung begann. Ungeheuerliches ereignete sich, lautlos nahezu: Klaus’ Hand tastete nach Ursula, er rückte näher zu ihr, und Horst starrte ins Dunkel. Sah, wie die fremden Finger lautlos, sanft und vorsichtig ihr Haar durchstöberten, langsam über ihr Gesicht strichen und still ihre Wange zu streicheln begannen. Grauenvoll zärtlich, eindeutig in der Absicht.

Sein Herz pochte unbändig, sein Atem stockte, und er rang nach einem Grund und einem Weg, diesem würgenden Ekel ein Ende zu bereiten. Doch es blieb bei einem stummen Schrei. Denn entsetzt begriff er, dass auch Ursula nicht schlief, sondern die widerliche Hand gewähren ließ! Und als Klaus nach endlosen Minuten noch näher an ihren Körper rückte, um, nur noch im Ansatz um Lautlosigkeit bemüht, ihre Bereitschaft tiefer auszukosten, drehte sich Horst ermattet, doch mit einem hörbaren Ruck um, weg von diesem Schauderbild, und suchte, wild erbittert und enttäuscht, Zuflucht bei Jesus Christus. –

 

Nachdem er das Abitur bestanden hatte, entschloss sich Horst, seine übermächtige religiöse Sehnsucht einem Heimathafen zuzuführen. Wie oft hatte er schmerzlich erfahren, wie fern ihm die Welt des Profanen, allzu Menschlichen doch lag! Er spürte den Drang nach Höherem, nach der Geborgenheit eines sinnerfüllten Lebens und des Handelns in persona Christi. 

Aber just während eines meditativen Gebetes im Dom der Stadt, einer finalen Sammlung, die ihn seiner Zukunft im Schoß der Kirche zuführen sollte, ereilte ihn die Vergangenheit. 

Horst beobachtete, wie sich in der Bank unweit von ihm, anmutig und in sich versunken, jenes Lichtwesen niederließ, das ihn so viele Jahre erfreut und gequält hatte. Ursula! Seit jener Nacht im August, in der sie so schmachvoll entehrt worden war, hatte er sie nicht mehr gesehen und auch nicht mehr nach ihr geforscht. Sie musste ihre Schulzeit anderswo beendet haben.

Aber wie war ihre Schönheit erblüht! Das prachtvoll füllige Haar umspielte in Locken das Antlitz, ihren vollendet geformten Körper hatte sie in ein fast bodenlanges, weißes Kleid gehüllt, ihre sinnliche Jugend erhellte in schärfstem Kontrast das düstere alte Domgemäuer. 

Als sie Horst endlich neben sich erkannte, lachte sie ihm herzlich zu. Er indes war abermals keines Wortes fähig und würgte an der Enge im Hals, seinen Blick und die Hände an das Gebetbuch geheftet. Zu überrascht war er, gerade hier, auf einer Kirchenbank, seiner einzigen Liebe zu begegnen, diesem jetzt unerträglich herrlichen Geschöpf, ihr, die er zu vergessen gesucht hatte und die er doch nicht überwinden konnte.

Sie rückte näher an ihn heran; vielleicht hatte er sie ja einfach noch nicht bemerkt. Leise hauchte sie ein „Hallo“.

Nur seine wirr lodernden Gefühle hinderten Horst daran, aufzuspringen, um, egal wohin, in Sicherheit zu flüchten. Er versuchte ein Lächeln. Wusste sie, dass dieses Wort das erste war, das sie jemals an ihn gerichtet hatte?

„Hallo!“ stieß auch er stimmlos aus und blickte sie schüchtern an, aus den Augenwinkeln, für eine Sekunde nur, während seine Gedanken an ihr fest hingen.

Da spürte er, wie ihre kühle Hand sich auf die seine legte, die immer noch das Gebetbuch umklammerte. „Schön, dich zu sehen!“, sagte sie, herzlich überrascht von dieser unerwarteten Begegnung mit einem alten Schulfreund.

Horst schwindelte. Wie in Trance spürte er ihre Hand auf seiner lasten. Er fühlte ihre Haut, ihr Leben, sie selbst, die einzige, der von je all seine Liebe gegolten hatte. Wie in einem Rausch sah er ihr Lachen, ihr Gesicht im verlockenden Halbdunkel … fast wie in jener Augustnacht!

Ob sie es auch hier und jetzt zulassen würde?

Horsts Atem zitterte. Er durfte nicht, durfte nicht noch einmal zögern!

Mechanisch befreite er seine Hand aus ihrer Begrüßungsgeste. Und dann ließ er sie rasch an ihrem Körper nach oben gleiten und hörte nicht mehr auf, ihre Wange zu streicheln. Dabei blickte er sie dumpf und stumm an, solange, bis das Strahlen ihrer Augen vollkommen in Verwunderung erstarrt war. Ungläubig ließ sie die steifen Finger an ihrem Gesicht auf- und abgleiten, zweimal, dreimal, viermal, dann zwang sie sich zu einem flüchtigen Lächeln, führte seine verspannte Hand entschlossen von der Wange, stand wortlos auf und verließ die Stätte der Andacht.

Erst Minuten später kam Horst zu Bewusstsein, dass sie ihn möglicherweise für verrückt gehalten hatte.

Noch nachhaltiger aber nagte der Gedanke an ihm, dass er in einer Kirche der Versuchung des Fleisches erlegen war. Diese Sünde schien ihm unverzeihlich. 

Abends holte er in seinem kleinen Studierzimmer Omas altes Kreuz aus der Schublade, legte es auf sein Bett und kniete sich davor. In größter Verbitterung klagte er sich an, bereute und bereute und rang sich zuletzt zu dem Opfer durch, Jesus möge ihm das Augenlicht nehmen, wenn er solchen verbotenen Gelüsten noch einmal nachgeben würde.

Und mit Eifer begann er zu studieren, wie die frohe Botschaft Christi zu verkünden sei. –

 

Horst Wimmer hatte sich dem Dienst am Gottesvolk ergeben. Er hatte die erste Heilige Weihe zum Diakon und die zweite Heilige Weihe zum Priester erhalten. Er hatte die Ehelosigkeit und den Gehorsam gegenüber seinem Bischof gelobt und bemühte sich, Christus auf dem traditionsgehärteten Weg der Kirche zu folgen.

In seiner erbötigen, mildtätigen Art genoss Priester Wimmer Ansehen und Vertrauen, die Frauen schätzten ihn, und er selbst hatte sein belastetes Verhältnis zu der Weiblichkeit mit den Jahren geklärt. Vor allem, weil er unter den vielen, die in seine Kirche kamen um zu beten oder sich von ihren Sünden zu entlasten, nie wieder eine Lichtgestalt erblicken konnte.

Die seelsorglichen Aufgaben in seiner Pfarrei erfüllten ihn, doch die Kluft, die den Würdenträger unbarmherzig von den Menschen trennte, begann stark und stärker zu schmerzen. Er hatte die sichtbaren und unsichtbaren Mauern, die seine kleine, fromme Welt umgaben, immer gemocht, aber oft und öfter blickte er nun traurig nach draußen. Alles um ihn her erschien ihm dann abstoßend alt, alt und starr, alt und kraftlos, greise und feige, während das Leben in jugendlicher Lust und Fülle über ihn und seine Kirche hinwegtanzte!

45 Jahre alt war er geworden. Die inflationäre Gottanbetung, die sein Beruf verlangte, hatte nur die Fassaden seines Glaubens gestärkt, ihn aber nicht vertieft. Irgendwie fühlte er sich noch immer als Kind. Nach wie vor sehnte sich ein kleiner Horst nach dem eigentlichen Leben. Und immer noch keimte irgendwo in einem tiefen Verlies auf dem Grund seiner Seele, verriegelt durch Amtsmoral und Zölibat, die Erinnerung an jenen Tag, als er die Zärtlichkeit der Schöpfung erfahren hatte.

Wenn er in diesen Kerker hinab stieg, saß er neben Ursula, genoss den Duft ihrer Schönheit, trank ihre liebevolle Zuneigung. Er spürte, wie ihre Hand die seine sanft in Obhut nahm, wie er zärtlich ihre Wange wärmte und sie ihn gewähren ließ, während heiße Tränen ihre Wangen netzten. Ein Moment ewiger Wonne, in dem er wunschlos verharrte. Ihren Körper aber durchzuckte die Hingabe, sie schmiegte, drückte, klammerte sich an ihn, und ihr Kuss schuf ihm eine neue Welt, in der er das ganze Sein empfing und sich ihrer Weiblichkeit willenlos ergab.

Wie fürchtete er diesen Sog der Sünde, der das Denken lähmte, sein Gemüt oft fast erdrückte und dem er dann durch bange Bußgebete zu entrinnen suchte! 

Wie viel Kraft floss in diese dunklen Stunden, aus denen lange, trübe Tage wuchsen! Wenn er dann die Messe zelebrierte, hörte er sich selbst sprechen, als wäre er ein Fremder, der die Lüge in dem, was da der Ehre Gottes dienen sollte, in kalter Strenge klar durchschaute, der in den segnenden Händen die triebhaften Klauen erkannte. Statt Gottesnähe empfand er Schuld und Leere. Und das schwere liturgische Gewand, das ihn dem Weltlichen entheben sollte, erdrückte und begrub sein Ich.

Durfte ihm als Trost gelten, dass er immer noch nicht erblindet war, immer noch keine harte Strafe empfangen hatte? Vielleicht, dachte er, mussten die Mühlen göttlicher Gerechtigkeit erst noch zu Ende mahlen, was einst sein Schicksal speisen sollte. Vielleicht war ihm nur noch eine letzte Frist geschenkt. Oder vielleicht – er versuchte ohne Hochmut es zu hoffen – war die Gnade Gottes einfach größer als er denken konnte. –

 

An diesem Sonntag, nach einer besonders einnehmenden, lebensbejahenden Predigt im Geist der Hoffnung und Zuversicht, bat ein fremder Junge um Abbitte. Unsicher, mit reuevoll gesenktem Kopf gab er dem Priester diesen Wunsch zu verstehen, erleichtert, als ihn die Dunkelheit des Beichtstuhls umfing, der modrige Geruch von altem Holz und Sündenlast ihn willkommen hieß und er nur noch Stimme zu sein brauchte.

In bitterer Selbstanklage trug der Junge vor, dass er sich von Freunden habe mitreißen lassen, dass er in die Hölle hinab gefahren war, dorthin, wo man aus Selbstentwertung pure Lust destilliert. Seither keime die Verdammnis in ihm, der Hunger nach immer neuer Sünde, immer tieferer Erniedrigung, kontrolliert nur von der heftigen Angst vor diesem eigenen Begehr. Er sei einer Vergebung unwürdig und wisse auch, dass Bußgebete keinen Zweck erfüllten. „Glauben Sie mir“, schloss sein monoton dahingeflüsteter Offenbarungsmonolog, „ich habe gebetet. Seit Monaten beichte und bete ich, aber die unwürdigen Gedanken und abscheulichen Ängste begleiten mich immer!“

Zunächst wusste Priester Wimmer dem Jungen nichts zu antworten. Durch die kleine Öffnung seines spärlich beleuchteten Kämmerchens beobachtete er diesen ungewöhnlichen Menschen, dem Leichtfertigkeit und Beichtroutige fremd und der schmale Pfad christlicher Selbstzucht wesensimmanent schien. Dieser gottesfürchtige Junge glaubte also, dem Reich des Herrn auf ewig fern bleiben zu müssen!

„Was erwartest du denn von deiner Beichte?“ fragte er, so verhalten seine Erregung es zuließ. Aber natürlich wusste der Priester, was diese verzweifelte Stimme, die aus dem Dunkel zu ihm herüber atmete, sich erhoffte. Rettung trotz allem! Befreiung. Erlösung.

„Sie wissen so viel Schönes von der Liebe Gottes!“, hauchte der verlorene Sohn. 

Er meinte, in dieser Kirche Obhut gefunden zu haben und ahnte nichts von dem Gedankensturm, den er in dem Nebenkämmerchen entfacht hatte, der gerade über ein ganzes Leben wirbelte …

Der Priester schaute den gekreuzigten Heiland, der die Menschen erlöst und ihm so oft Trost gespendet hatte. Seine Finger glitten über Omas Messingkreuz, deutlich fühlte er dieses Sinnbild anspruchslosen Geborgenseins. Er empfand die linde Zuversicht aus dem Gebet und genoss die tragende Kraft seiner kirchlichen Gemeinschaft. Dennoch schmerzten die altbekannten Splitter, die immer gleichen Phantome seines eigenen erstarrten, feigen Lebens, die Sehnsucht nach Weiblichkeit, der Kampf gegen die Sünde, das Ringen um Gottes Vergebung, seine Gedanken und Grübeleien, das ewiges Bangen und Hoffen, Sich-aufraffen-und-doch-wieder-Hinstürzen. Hatte er jemals die einfache Freude am Dasein erfahren? Sein Bruder, seine Mutter, die Freunde aus dem Gymnasium – fern waren sie, fern lebten sie, irgendwo zwischen Glück und Leid, zwischen Lust und Schmerz, aber sie lebten! War er aus Angst vor dem Leben in das bequeme, dunkle Türmchen geflüchtet, in dem sie nun zu zweien hockten?

Was sollte er dem Jungen sagen? Ihm raten, seinen Drang zur Frömmigkeit der Nachfolge Christi zu verpflichten, wie er selbst es getan hatte? Tätige Reue in der Nächstenliebe zu üben, wie er es auch wieder und wieder versuchte? Er wollte, konnte sich nicht in Floskeln flüchten.

Seine Finger hatten den alten, schmalen Lichtschalter ertastet. „Komm, wir gehen nach draußen“, sagte er endlich, während er ihn vorsichtig betätigte, als könne etwas zu Bruch gehen. Dann öffnete der Priester die schmale Holztür und verließ entschlossen das Türmchen seines Amtes. – 

An diesem Sonntagabend stand Horst Wimmer frohgemut vor seiner Kirche und blickte gedankenversonnen himmelwärts. Das Gespräch mit dem Jungen klang ihm lebhaft nach. Die gebeugte Stimme aus dem Dunkel hatte sich nachmittags zur Persönlichkeit entfaltet.

Zuletzt waren zwei einfache Männer, ohne Abstand im Alter, ohne Unterschied in der geistlichen Würde, in weitem Bogen um die Kirche gewandert und hatten über Gottes Erhabenheit sinniert, hatten kühn seinen Plan mit der Menschheit erwogen und dermaßen Freiheit geatmet, dass sie des Allmächtigen sogar humorvoll gedenken konnten, ohne dabei etwas Verwerfliches zu finden.

Erstmals seit vielen Monaten zog der Priester in dieser Nacht wieder das alte Holzkreuz aus der Schublade. Lange schweiften seine Gedanken über der leidgekrümmten Messinggestalt, und kurz durchflog ihn die Empfindung, der Begleiter seines Lebens hätte sich plötzlich aufgerichtet und mit göttlicher Urgewalt von seiner Last losgeeist. –

 

Wenige Wochen später wurde die Totenmesse für Magda Wimmer gelesen. Sie war nie die stolze Mutter eines Priesters gewesen, sondern hatte einen verirrten Sohn beklagt, der dem Leben durch eine überkommene, weltferne Institution gestohlen worden war. Doch sie hatte damit immer nur im Stillen gehadert, und nun war sie in ihrer ruhigen Art dem Erdensein entschlummert. Aber obgleich sie allem Gottgeweihten fern gestanden war, hatte Ewald, der ältere Sohn, sie in ihren letzten, schwachen Tagen mit Nachdruck zum Glauben gedrängt und seinen Bruder dazu angehalten, Mutters Heidendasein zu später Stunde doch noch durch den Leib Christi zu erhöhen. Vielleicht hatte ihn dazu das Bedürfnis nach familiärer Eintracht getrieben, oder aber auch der Gedanke, dass ein 2000 Jahre alter Weg ja doch ganz gut in die Ewigkeit führen könnte.

Der Priester hatte das Hingehen seiner Mutter im Stillen beweint, ähnlich wie vor einiger Zeit den Abschied von seinem Vater. Magdas Nähe hatte er zeitlebens nicht gefunden, doch die Hinwendung der greisen Frau zum Glauben hatte er mit innigen Fürbitten gefördert, und seine Tränen um sie verbanden sich dem Gedächtnis an das ferne Glück einer behüteten Kindheit. –

Der blecherne Klang der Totenglocke war verstummt, der schwere Eichensarg zu Grabe gelassen, der größte Schmerz bewältigt.

Am nächsten Sonntag drängte man in die Kirche, um dem Priester kondolierende Blicke zu spenden, an seinem verhaltenen Schmerz teilzuhaben und mitleidsvoll Verständnis zu zeigen. Doch ihm kam die Predigt fest und bestimmt von den Lippen. Ohne ein Anzeichen außergewöhnlicher Regung waltete er seines Amtes. Er fühlte sich in den altvertrauten Bahnen der Heiligen Messe sicher und geborgen.

Doch in dieser Stunde geschah etwas Unerwartetes, das die graue Welt des Priesters in prächtige Farben tauchte. Gerade als er die Wandlung vollzogen hatte und der in sich versunkenen Masse, die an ihm vorüberrückte, den Leib Christi zureichte, stand plötzlich das einzige Lichtwesen, das er je gekannt, leuchtend und strahlend auferstanden vor ihm! Kein wild-weibliches Phantom, das ihn zugleich hinan und hinab zog, kein monoton agierendes Trugbild wieder und wiederkehrender Gedankenszenerien, nur eine einfache, anmutige Frau. Spuren aus den stürmischen Gezeiten des Lebens hatten sich in ihr Antlitz gegraben, aber aus ihm strahlte immer noch diese unendliche See des Augenlichtes. Immer noch umwehte ihre Gestalt die betörende Aura von Schönheit! Und sie, die ihn mit ihrem Dasein stets aus der Welt geborgen hatte, wollte nun, in dieser profanen Kirche, durch seine schuldbeladene Hand die Heilige Kommunion empfangen!

Da versagte dem Priester der brotspendende Arm, eine Lähmung breitete sich aus. Vom Kelch mit dem Leib Christi kroch sie weiter durch die Reihe der Wartenden, und viele glaubten in diesem Augenblick glücklich die so tapfer unterdrückte Rührung ihres Priesters zu erkennen.

Erst Ursulas aufmunterndes Lächeln entspannte seinen verkrampften Arm, und der Gang um das Heilige Mahl kam erneut in Bewegung. – 

Er hatte geahnt, dass sie nach der Messe vor der Kirche auf ihn wartete. Kurz blickte er in die Sonne, atmete entspannt aus und trat dann, wortlos wie je, aber in gefasster Freude, langsam auf sie zu.

„Geht es dir gut?“, fragte sie vorsichtig.

Er nickte, dankbar für ihr Mitgefühl, vor allem aber glücklich über sich selbst. Denn endlich konnte sein Blick, gestählt durch jahrelange Seelsorge, geborgen in ihrem ruhen. Nichts trieb ihn zur Flucht, kein krauser Gedanke trübte den weihevollen Moment.

„Ich freue mich, dass du hier bist!“, sagt er. Mühelos, in himmlischer Leichtigkeit überwand er die Sprachlosigkeit seines Lebens und hieß Ursula mit gelöstem Lachen willkommen.

Für den Nachmittag, den sie gemeinsam verbringen wollten, wählte er den gleichen Weg, den er mit dem Jungen gegangen war, damals, als zwei seelenverwandte Glaubensdiener Freiheit geatmet hatten.

Stunden um Stunden durchwoben einander nun die Fäden ihrer Schicksalsteppiche: das Leben eines allzu hübschen Mädchens, das neunzehnjährig Mutter geworden war, aber ihre Tochter allein hatte durchbringen müssen, einer Frau, die immer den wahren Glauben gesucht, ihn aber in keinem Dom und keiner Kirche gefunden hatte – und das Leben eines hoffnungslos verliebten Jungen, der ganz in seine Sehnsucht nach Gott geflüchtet war, nachdem das fahle Mondlicht einer durchwachten Augustnacht sein wertvollstes Traumbild entstellt hatte.

Spät an diesem Nachmittag gestand ein Priester, dass er sein Amt als Bürde empfand und sich zurücksehnte nach dem ungelenkten, dogmafreien Glauben seiner Kindheit. Und eine einsame Frau, die das Leben des Priesters aus der Ferne begleitet hatte, weil dieser Mann ihr von Jugend an befremdlich und sympathisch gleichermaßen erschienen war, ergab sich voll Vertrauen seiner Nähe. –

Zahllose Momente der Herzlichkeit hatten sich an diesem Nachmittag aneinander gereiht, die Tore liebevoller Zuneigung waren offen. Zuletzt hatte das Gespräch sich zum Schweigen veredelt, ein stilles Ausatmen leitete den Abschied ein. Beiden war es schwer geworden, noch Worte zu finden. 

„Ich könnte tagelang mit dir sprechen …“ begann und endete sie, leise, den Blick vorsichtig in der Ferne verankert. Nichts sollte das wertvolle Band schwächen, das sich in diesen Stunden gebildet hatte.

Er aber spürte die Liebe in ihren Worten, ehern, stark, unzerstörbar. Und in sich das Erwachen.

Beide wussten sie an diesem Abend, dass sie einander wieder und wieder sehen würden. –

 

In einer sonnendurchfluteten Stunde im August, am 87. Jahrestag seiner Geburt, blickte Horst Wimmer auf zwei weite, erlebnisreiche Wege zurück. Auf den eines Glaubensdieners, dessen Sehnsucht nach einem glückseligen Leben unerfüllt geblieben war. Und auf den eines Vaters, der fern von Bischof und Kirche in der Liebe zu Frau und Tochter sein Glück gefunden hatte. Er fühlte keine Schuld mehr, es bangte ihn vor keinem Sühnezwang, keinem drohenden, strafenden Gott. Selbst das alte Messingkreuz hatte jede Bedeutung verloren. Aber wie nie zuvor empfand er das Erhabene. Wenn er in absichtsloser Leichtigkeit in die Welt blickte, um … nichts zu sehen, wenn er die Natur mit seinem Himmelsblick durchdrang – die Weite suchend, um hinter Raum und Zeit zu schauen –, dann spürte er manchmal das ewig Gegenwärtige, das sich in keinem Bild erfassen lässt, ahnte er von fern das Über-All.

Sinnend legte der alte Mann seine müde Hand auf die zarte Schulter seiner Tochter, dieses wertvollsten Geschöpfes, das ihn jeden Augenblick an die Anmut und Schönheit ihrer Mutter erinnerte. Schließlich wandte er sich um, und beide verließen sie die Grabstätte seiner großen Liebe. 

Er war guten Mutes, dankbar für alle Begebenheiten seines Lebens. Doch jeder Tag, so schien es ihm, verwischte etwas von den Spuren dieses Pfades, sie wurden seichter, unbedeutender, seine Gemüt hingegen heiterer, gelassener. Er ärgerte sich nur über seinen zähen, allzu unverbrauchten Körper, der es ihm noch nicht gewährte, Ursula zu folgen.

Aber diesen letzten Anflug von Ketzerei verschwieg er der engelgleichen jungen Frau an seiner Seite. 

 

(Aus dem Buch „Lebensnähe – 12 Erzählungen von Werner Huemer“)