Aus fremder Seele

An einem eisigen Tag im Februar öffnete ich die Tür.

Wissen Sie, man kann ein Zimmer, einen Raum, ein Haus bewohnen und doch kaum darin sein. Man kann die wohlige Wärme genießen, den trauten Geruch des Mobiliars, kann den alten Kindheitsträumen folgen, die man mit seiner kleinen Schwester auf die pastellfarbenen Tapeten gekritzelt hatte, und übersieht bei all dem doch den Seelenschatten, der aus der Farbigkeit fröstelnd ins Schwarzweiß zurückgetreten ist.

An jenem Tag im Februar, als die Fäuste und Beine das Blut aus mir getrieben hatten, sah ich diesen Schatten in meinem Kinderzimmer kauern, ging hin und richtete ihn auf. Für Momente stieg die Wärme einer glücklichen Erlösung in mir hoch, doch er suchte zitternd Schutz und drängte mich zu dem dunklen Schrank aus Eichenholz, der alten Festung an der Wand entgegen. Ich riss an der widerspenstig knarrenden Tür und lugte durch den Spalt. Einen Saal hatte ich erwartet, aber nicht in solcher Weite. 

Vorsichtig traten wir ein.

Wissen Sie, man kann eine große Menschenmenge dicht vor Augen haben, und doch niemanden darin erkennen. Sie ist einfach da, erfüllt den Moment, aber man spürt keinen Wesenskern, an dem man sich erfreuen oder reiben könnte, keine Persönlichkeit, keine Aufgabe, weder Bestimmung noch Sinn. 

Ich folgte dem Schatten in willenloser Neugier, sichtend, witternd, hellhörig. Meter um Meter durchpflügten meine geschärften Sinne die in langen Reihen anstehenden Massen, als ob ich diese Zeit fern aus einer anderen bestaunte. Aber bald war ich selbst erfasst von dem stillen Sturm der Angst, der diesen Raum mit Überdruck erfüllte, schon spürte ich die Klammern des Schreckens, die die gebrochenen Gestalten kalt und fest in sich verketteten. Ihr Bewusstsein konnte ungebremst ins Nichts hinaus geschüttet werden, ohne dass ein letzter Wille diesem Schicksal trotzte.

Dann sah ich gebannt auf die schwarz ummantelte Figur, die die erstarrten Reihen mit schwerem Schritt durchmaß, unwirklich nur und schemenhaft, doch instinktiv erkannte ich in ihr den Herd des hiesigen Entsetzens. Flackernde Blicke stachen aus ihrem Antlitz, nach links, nach rechts, versanken für Momente in sich selbst, um dann sprühend wieder auszubrechen, während ihre gierigen Schneidezähne im Atem des Sondierens aus einem fahlen Nagetiergesicht weit nach vorne stießen.

Die Gestalt war mir so nah gekommen, dass ich die klammernde Faust der Ohnmacht spürte. Doch sie sah an mir vorbei. Ihr Fingerzeig hatte den Schatten erwählt, den anderen Jungen, und er folgte ihr, gedrängt von den scheuen Blicken der Umstehenden, hinab ins Schwarz.

Wissen Sie, der Quell des Grauens entspringt jenseits der sinnlichen Welt. Unsichtbar und lautlos fließt er aus dem Nichts und gebiert einen leblosen Reinraum, der kein Atmen oder Flüstern erträgt.

Durch die dunkle Stille drang nur ein einziger Laut zu mir herauf, der erstickte Ansatz eines Stöhnens, dem kein konkreter Ton verwoben war. Doch man wusste, was geschah, und nicht die Qual allein gebar das Grauen. Die tiefste Kälte kroch aus der Mechanik, mit der die Folter sich begab. Ohne Grund und ohne Zweck wurde sie vorgenommen, nur einem dumpfen Muss verknechtet.

Ich hoffte und flehte, in einem Albtraum gefangen zu sein, der jäh in glückliches Erwachen mündet, sobald der Schrecken allzu vehement in das Bewusstsein donnert. Aber der unverhüllte Abgrund, der sich mit jener dunklen Eichentür geöffnet hatte, blieb mir drohende Wirklichkeit. Kein Weg führte mehr zurück.

Und doch suchte ich verzweifelt Licht in dieser Öde der Zersetzung. Ich hörte, sah und spürte, wie mich meine Eltern zu sich wünschten, meine Freunde, die geliebte Schwester. Aber sie fanden nur fahle Gedanken und die Furcht vor dem, was ich erlebte. Damals ahnte ich noch nicht, wie sehr ich zur Befreiung Dianas Hilfe brauchte. –

„Woran können Sie sich denn erinnern?“ 

Ein wohlwollendes Lächeln begleitete die baritonale Stimme des korpulenten, rauschebärtigen Mannes, dem die junge Frau gegenüber saß. Für seine professionelle Freundlichkeit hatte sie nur wenig Sinn, doch sie teilte seine Hoffnung, dass man vielleicht ein wenig Sonne ins Dunkel bringen könnte. In der Vergangenheit grabend, hob und senkte sie die Schultern, brach nun aber müde ihre Suche ab. „Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen“, flüsterte sie, abgetaucht in Bilder, die auch ihre Flucht nicht zum Verblassen bringen konnte. „Markus hatte diese Wunden, am ganzen Kopf und auch an seinem Körper, aber die Erinnerung, wie sie zustande gekommen waren, konnte er nicht wiederfinden. Niemand weiß, was vorgefallen ist.“

Sie gab nun alle Körperspannung auf und vertraute ihre Schwere ganz dem bequemen Sofa an. „Es muss unerträglich sein, sich etwas, das man offenbar erlitten hat, nicht vergegenwärtigen zu können“, grübelte sie, mehr für sich selbst als für den Seelenarzt, der sie eingeladen hatte. „Meinen Sie, dass dieser Vorfall der Grund für sein eigenartiges Erleben ist?“

Der Gastgeber schaukelte den Kopf, wie er es oft erwägend tat, und griff zögernd nach dem Wasserglas, das auf dem tiefen, runden Holztisch stand, an dem sie einander gegenüber saßen. „Es sieht so aus“, diagnostizierte er mit Vorsicht, „aber ich kann es nicht abschließend beurteilen“. Seine Hand malte nun eine ausladende Schleife in die Luft, um das Glas zum Mund zu führen. „Hat er auch Ihnen gegenüber den Namen Diana erwähnt?“, fragte er dann und zelebrierte mit hörbarem Ausatmen seine Erfrischung.

Der Blick der jungen Frau war dem Schwung seiner Hand gefolgt und trotzte nun wieder dem Sog seines kühlen, routinierten Lächelns. „Ja, mein Bruder erwähnte sie in seinen Briefen“, antwortete sie nachdenklich. „Die Frau dürfte ihm sehr wichtig sein … was auch immer das bedeutet.“

Wie eine Entschuldigung fügte sie den Satz hinzu. –

Wissen Sie, es gibt Erlebnisse, die wie Hologramme nachglühen. Ein kleiner Splitter der Erinnerung genügt, und das ganze Bild in aller seiner Schärfe ist sofort wieder gegenwärtig, so beständig ist es in der Zeit verwahrt.

Ich wollte aus dem Saal der Angst fliehen, nur fliehen. Aber was tun, wenn ein Albtraum endlos währt? Wenn man wohl laufen und entkommen möchte, aber der zarteste Hauch einer Erinnerung abermals zurück ins Dunkel führt, wenn man unentrinnbar der Erkenntnis hingezwungen ist, dass man eben nicht nur träumt, sondern in Wahrheit wach wie nie erlebt, während die Freunde und Genüsse, alle sinnstiftenden Lebensbegleiter fern und ferner in ein schemenhaftes, paralleles Universum rücken?

Zu meinem Glück führte mich James aus dieser absoluten Nacht hinaus und lehrte mich, die eigne, immer enge Sicht nicht allzu ernst zu nehmen. Der Gute, der fleischgewordene Augenzwinkern. Sein kühler britischer Humor vermittelte mir jene kritische Distanz zur Welt, ohne die Freiheit nicht atmen kann. Immer wieder neu sezierte er sein Lebenswerk. Einst hatte er aus der Bibel das Alter der Schöpfung errechnet, neigte aber nun, in später Einsicht, zu der Überzeugung, dass sich der Akt der Lichtgeburt doch nicht, wie lange Zeit vermutet, am 23. Oktober des Jahres 4004 vor Christus vollzogen hatte, sondern an einem unbekannten andren Tag des Herrn. Aber wann? Welches Gottgesetz barg die Formel für das Faktum, dass die Quanten der Zeit flüchtig und beliebig dehnbar sind? Barg den Urgrund für die Illusion von einer beschaulichen Gestaltung und Entwicklung der Welt?

Am Tag unserer Begegnung hatte James die Reihen der Angst einfach durchschritten und mich wie einen alten Freund begrüßt, schon in der Überzeugung, dass ich seine Forschungen begleiten würde. So erfuhr ich bald, dass sich durch die alte, dunkle Eichentür bei weitem nicht das einzige Portal ins Diesseits öffnet, wie ich im Kerker meiner eigenen Erfahrungen vermutet hatte. Unzählige sind in der Welt verborgen! Jedes Bildnis ist ein Guckloch in die Wirklichkeit, jeder Gedanke schafft sich weiten Raum.

Wissen Sie, wenn er dazu gezwungen ist, begreift der Mensch sogar das Ungewöhnlichste als Alltagsnorm. Ich lernte damit umzugehen, in wiederkehrenden Momenten das Woher der Gegenwart einfach nicht zu kennen, lernte akzeptieren, dass in den Spuren, die mein Ich auf dem Zeitstrahl hinterlässt, weite Lücken klaffen. 

Mir ist bewusst, dass meine Psyche damit als verwirrt und weltfern gilt. Doch diese vage Ahnung von Ihrer Sicht der Dinge ändert nichts an meiner Wirklichkeit.

Über die Zeit wurden James und ich zu guten Freunden. Ich war ihm in sein altes, heiliges Anwesen gefolgt, in die prächtige Bibliothek, das gemütliche Studierzimmer und in die gediegene Schreibstube, um seinen wachen Forschergeist kommentierend zu beflügeln, bis ich darüber den Abgrund der schieren Sinnlosigkeit glücklich vergessen konnte. –

„Hat er denn in Ihren Briefen auch den Namen James erwähnt?“ Die sonore Stimme des Seelenarztes verströmte milde Wärme. Sie sollte die fragilen Seelengestade der jungen Frau so behutsam wie möglich ertasten. Denn das Gespräch zum Schicksal ihres Bruders hatte in ihr einer verborgenen Rührung die Schleusen geöffnet, die endlich ins Leben strömen wollte.

Ihre Absicht, seine Frage kopfschüttelnd einfach zu verneinen, geriet zum unbeherrschten Zittern. „Es war nicht richtig, dass ich von hier weggezogen bin!“ Sie weinte im Zwang, nun auszusprechen, was ihr Schuldgefühl allein als letzte Wahrheit anerkannte. „Es war die Flucht vor dem Fremden, das meinen Bruder eingenommen hatte, vor seiner ungreifbaren Veränderung und einer Welt, die mir bedrohlich und beschwerlich schien!“ 

Nun suchte sie das Lächeln ihres Gegenübers, sodass ein eigenes sich besser durch die Tränen kämpfen konnte, die aus einem bitteren Empfinden des Versagens sickerten. „Ich fürchte, ich würde Markus kaum wiedererkennen, wenn ich ihm heute begegnete! Dabei liebten wir einander so sehr!“

Der Arzt schaukelte seinen mächtigen, bärtigen Kopf und umfasste freundschaftlich ihre Hand, um seiner Überzeugung Nachdruck zu verleihen: „Ich denke, ihr Bruder kommt gut zurecht. Sie sollten sich keinen Vorwurf machen.“

Sie nickte verhalten und löste seinen sanften Griff, um nach einem Taschentuch zu suchen. Während sie die Tropfen des Seelenstroms beseitigte, beendete er seine Nachdenkpause: „Es gab einen englischen Erzbischof namens James.“ Er schmunzelte, hoffte vage, ihre Gedanken damit zu beflügeln. „Ich habe nachgeforscht. James Ussher, 1581 bis 1656. Er kam anhand biblischer Schriften tatsächlich zu dem Schluss, die Welt sei lediglich 6000 Jahre alt.“

Für Momente fürchtete die junge Frau abermals einen Sturz ins Unfassbare, doch fand sie an den Fakten Halt und erwiderte, ihr Bruder habe schon als kleiner Junge ein ungewöhnlich reges Interesse an geschichtlichen Belangen gezeigt.

Der Arzt nickte beiläufig, presste seine Lippen sinnend aufeinander und bot dem weit gereisten Gast ein weiteres Glas Wasser an. –

Ich könnte nicht ermessen, wie lange meine glückliche Gefangenschaft im Bann der Wahrheitssuche währte. Wer keine feste Spur durch die Vergangenheit mehr findet, verlernt die Kunst des Zeitenteilens, doch er rückt der Ewigkeit in seiner Gegenwart näher, ein wenig wenigstens. Wir jagten auf dem Pfeil des Welterkennens von einem Licht zum nächsten, befreiten uns aus der Blindheit des Glaubens, von den Fesseln der Schrift und den lähmenden Dogmen des Müssens und Sollens. Wir stürmten den großen, erhellenden Entdeckungen im Rausch des Wiederfindens hinterher, und manchmal auch in seligem Erahnen schon voran. aber mit der Vollkommenheit, in der die erhabenen Momente des Lebens und Webens meinen Geist verklärten, wurde mir dies Weltbild unbedeutend, als würde sich vom Gipfel, den wir mühevoll erklommen hatten, nun erst der eigentliche Weg in den fernen, hohen Norden spannen, eine schimmernde Regenbogenbrücke, die den Blick zurück ins Nebeltal vergessen lässt. 

James wollte diesen Pfad nicht mit mir gehen. Seine Liebe zur Philosophie, die ihm wertvoller war als das Erleben, drängte ihn zurück in das alte Studierzimmer. Er ahnte eine neue Aufgabe, er würde lehren und vermitteln, neue Schüler und Gehilfen finden. Mich trieb indes die Sehnsucht nach Entlastung. Vielleicht führte ja von hier ein Pfad zurück in eine ungeteilte Welt, wo das Leben nicht mehr durch versteckte Türen und Portale pulst.

Wissen Sie, dass jeder große Abschied die öde Geruchlosigkeit der spätesten Februartage schon mit dem Duft des März vereint? Es platzt die trübe Blase der alten, winterschweren Geborgenheit, den ungeschützten Leib umschließen Fäden starker Lust, ein Jauchzen schallt der neuen Welt entgegen. „Ich bin hier!“, ruft es in sie hinein, „nimm mich an und löse mich aus meinem Traum!“

Bitte haben Sie Verständnis für diese Schwärmerei. Ich bemühe mich hier nur, die wunderbarsten Momente meines Lebens mit bescheidenem Sprachvermögen nachzuzeichnen, einen Ruf des Geistes, dem ich folgen wollte. Denn ich betrat die Brücke, voll Zuversicht und Mut. Und auf dass die neue Welt um mich zur Form erblühen konnte, nahte sich mir eine Fee. Ich kann Diana nur mit diesem Wort beschreiben. Sie wusste von der tiefsten Quelle meines Schmerzes, legte ihre Hände liebevoll auf meinen Kopf, heilte die Wunden zurück in die Zeit und schuf endlich Raum für die alten, fernen Bilder. –

Ein fünfzehnjähriger Junge presste sich ängstlich an die graue Mauer. Doch er spürte keinen Schutz, nur die harte Grenze dieser Falle. Der andere Junge war älter, stärker, kälter. „Du da!“ flüsterte seine gemeine, brüchige Stimme, und in blödem Lachen stießen die Schneidezähne aus seinem Nagetiergesicht hervor. „Ich bin jetzt gerecht zu dir!“ 

Die Gedanken des Jungen schwirrten, suchten, bangten, fanden keine Form für dieses fremde Gegenüber, vibrierten nur in atemloser Not. Schon traf die schwere Faust der schwarz ummantelten Gestalt das zarte, ungeschützte Kinn, die Steinchen der grobkörnig verputzten Hausfassade bohrten sich in seinen Hinterkopf; lautlos, haltlos sank er zu Boden, langsam quoll das Blut durch Ohren, Mund und Nase, und als die schweren Tritte gegen sein Gesicht und seinen Oberkörper stampften, war Markus bereits weit hinein in die Festung seines Zimmers geflüchtet. –

Etwas war verbrannt in mir, und niemals kehrt der Rauch in das Feuer zurück. 

Können Sie sich vorstellen, wie wundervoll es war, dennoch heil zu werden? Diana fasste das Flüchtige und ließ es wieder in mich strömen. 

Wissen Sie, Herr Professor, Außergewöhnliches geschieht, weil jemand einfach handelt, wenn die Vernunft auch widerspricht. –

Ich habe nach bestem Können und Wissen mein Erleben geschildert. Freilich ahne und befürchte ich, dass Ihnen all das nur als bedeutungsloser Wahn erscheinen könnte. Doch zugleich hoffe ich auf Ihre Einsicht. Ich sehne mich danach, meine geliebte Schwester wieder zu sehen, der ich seit Jahren fern geblieben bin – aus Sorge, sie durch meine Gegenwart und unbedachte Worte zu verängstigen. Ich möchte mich in ihren Augen wiederfinden, sie umarmen, leibhaftig Liebe spüren. Um Gerechtigkeit kämpfe ich indes nicht mehr. Diesem Schreiben ist ein altes Foto beigefügt, aus welchem Sie ergründen werden, weshalb es eben Sie erreicht, warum Sie sich in diesem Fall nicht nur als Seelenarzt empfehlen. –

Professor Holzmann blickte über den Rand seiner Lesebrille auf die junge Frau und ließ die Worte nachklingen. „Der Brief endet mit der Ankündigung seines Besuchs“, schloss er dann, ein wenig feierlich. „Ihr Bruder schreibt, dass er und Diana sich darauf freuten, mich kennenzulernen. Möchten Sie vielleicht doch selbst lesen?“

Die Frau nickte in sich hinein, kaum anwesend, als ob die Zeit von Moment zu Moment sich noch weiter verlangsamte. Wieder tauchten ihre Augen in ein Meer mächtiger Empfindungen, bebend nahmen ihre Hände die kostbaren Blätter in Empfang. Als sie begriff, sah sie auf, und ihre Stimme mühte sich von Wort zu Wort: „Aber … das wäre ja … heute, in wenigen Minuten schon …“

Sie stockte, wieder suchte eine Träne ihren Weg über die Wange und ätzte an dem Glas, das die Seelen fremder Menschen voneinander trennt, aber noch wusste nur er, woher die schicksalhafte Nähe zu dieser Frau und ihrem Bruder rühren konnte. 

„Ich dachte mir, dass Sie ihn wiedersehen möchten“, sagte und fragte der Arzt mit größter Vorsicht. Er spürte die Kraft ihrer Blicke, die an ihm Halt suchten.

Endlich atmete sie aus. „Wenn ich nur besser darauf vorbereitet wäre!“

Markus hatte in diesem Schreiben formuliert, was auch sie sich so sehr wünschte: dass sie einander wieder umarmen könnten, unvoreingenommen, offen, frei. Aber wie die Wand des Zweifels überwinden? 

Nur seine Verletzungen waren geheilt. Die sonderbaren Selbstgespräche, in denen ihr Bruder mit Menschen diskutierte, die nur er allein sehen oder hören konnte, waren länger, heftiger, unkontrollierbarer geworden, hatten sich in ihm zutiefst verwurzelt und sein Umfeld verstört. Zuletzt war Markus unerreichbar geworden, sie hatte statt seiner Stimme nur noch Worte aus fremder Seele vernommen, aus einer beklemmenden Schattenwelt, die sie fürchtete und mied. 

Und nach vielen Jahren hatte ihr Markus dann plötzlich von Diana geschrieben, jedoch so unbedingt und selbstverständlich, dass sie in seinen Briefen abermals jene Soliloquien zu erkennen geglaubt hatte, die ihren Bruder aller Welt so sehr entfremdeten. Sie hatte ihm freundlich einige Worte erwidert, aber seine Nähe nie gesucht – bis nun dieser Seelenarzt sie eingeladen hatte. Hilfe und Verständnis suchend blickte sie ihn: „Meinen Sie, dass Markus heute wirklich hierher zu Ihnen kommt?“

Während der Professor zur Karaffe griff um die beiden halb geleerten Wassergläser wieder aufzufüllen, floss Frage um Frage aus ihr. Was er über ihren Bruder denke. Ob es dies Bild in seinem Brief denn wirklich gab. Weshalb Markus ausgerechnet ihm geschrieben habe.

Noch haderte der Professor mit sich selbst; unschlüssig kreisten seine Blicke durch die Praxis. Schließlich erhob er sich leise ächzend aus dem Sofa, um ein altes Buch zu holen, das auf seinem Schreibtisch lag. –

Es gibt diese Augenblicke der Demaskierung und Ernüchterung. Man glaubte jemanden zu kennen und kratzte niemals an dem Hochglanzbild, das der eigne Seelenpinsel vorteilhaft von ihm gemalt und auch immer wieder sorgsam restauriert hatte. Aber plötzlich gerinnt ein Lachen zum Grinsen, zur Häme. Ein nacktes Skelett durchstößt die Fassade des Körpers.

Helge hatte nicht zum ersten Mal meine Toleranz erprobt, aber heute Nacht bestürzte mich, nicht mehr den alten Freund zu hören, sondern die Stimme aus einem Abgrund, in den ich nicht blicken mochte. 

Wieder einmal besprachen wir die menschliche Willensfreiheit. Aber diesmal verhakte Helge sich an einem widerwärtigen Gedankenspiel. Er grübelte darüber, ob es ihm wohl möglich wäre, ein wehrloses Kind zu verprügeln, irgendwo auf einer Straße, ohne Anlass, ohne Zweck. Er beschrieb sogar die Art und Stärke der Misshandlung in abscheulichen Details. Würde er zu einer solchen Tat nicht in der Lage sein, so meinte er, wäre dies das Zeugnis seiner Unfreiheit, denn er steckte somit offenbar im engen Rahmen eines etablierten Welt- und Menschenbildes fest, weshalb er für sein Leben auch nicht selbst verantwortlich sein könne. Erst die Tat des Undenkbaren beweise den eigenständig freien Geist …

Mir ist die Lust an philosophischen Disputen nachhaltig vergrault, und tatsächlich glaube ich, dass sich unsere Freundschaft nun zerrieben hat. –

Verständnislos schüttelte die junge Frau den Kopf. Theoretische Gespinste solcher Art waren ihr wesensfremd, aber ihre Gedanken suchten fiebernd nach dem Schlüssel, der diesen Textraum dem Schicksal ihres Bruders öffnete. Erregt fragte sie, flüsternd nur, wer denn das geschrieben habe.

Professor Holzmann klappte das dünne Buch behutsam zu und sah gedankenvoll auf seinen Gast. „Ich selbst“, erklärte er schleppend und lenkte seinen Blick zurück auf das papierene Portal, das ihn in ferne Zeiten führte. „Das war mein Tagebuch. Wir diskutierten leidenschaftlich philosophische Konzepte – eben bis in jene Nacht, als Helge hartnäckig darauf bestand, die Freiheit außerhalb der Menschlichkeit zu suchen.“

Der Seelenarzt hielt inne. War es denn wirklich richtig, ausgerechtet ihr, der Schwester, den vagen, bitteren Verdacht zu nennen? Aber schon durchschnitt sie mit der Frage, von wann diese Notiz denn stamme, die zarten Bande seiner Vorbehalte, und er gab zu, dass sein Tagebucheintrag just dem gleichen Zeitraum zugehörte wie die Misshandlung ihres Bruders. 

Entschlossen zog Professor Holzmann nun das vergilbte Bild hervor. Die Einladung, sein Gespräch mit dieser Frau … er hatte den Schicksalsaugenblick bewusst herbeigeführt, er musste es ihr zeigen und erklären!

Erregt griff sie nach dem Foto, dem das lebenswarme Rot schon lange ausgeblichen war, und musterte die drei Personen, die es abbildete. Sie erkannte den Professor als Mann in jungen Jahren, neben einem Fremden, dessen Lachen eine Anzahl schmaler Zähne bedrohlich weit nach vorne schob. Der Seelenarzt bestätigte ihr Ahnen. Ja, das sei sein alter Freund gewesen, von dem er in dem Tagebuch geschrieben hatte, und das Mädchen, das seine Arme kumpelhaft auf Helges Schultern stützte, dessen Freundin. Er wagte nun ein Schmunzeln und erzählte: „Für sie war ich der ungeliebte Nebenbuhler! Helge mochte nicht, dass sie an unseren Debatten Anteil hatte!“

Für Augenblicke fand er sich noch einmal in dem fernen Leben, das nun erneut die Gegenwart beherrschte: „Das Mädchen hieß Diana“, schloss er dann, „und das Bild, das Sie in Händen halten, stammt aus dem Schreiben Ihres Bruders!“

Die junge Frau blickte auf, suchte, ahnte, knüpfte einen Verbindungsfaden für die vielen losen Bilder und fertigte mit Hilfe der Gedankenskizzen des Professors einen Entwurf. Was wäre, wenn tatsächlich Helge ihren Bruder einst verletzt hätte? Wenn Diana irgendwann von dieser Tat erfahren und das Opfer ihres Freundes gesucht und auch gefunden hätte? Wenn sie Markus dann lieben gelernt hatte? Wenn es ihr tatsächlich irgendwie gelungen war, in seine Welt zu finden, seine Erinnerungen freizulegen? Wenn Diana zuletzt den Kontakt zu Professor Holzmann eingeleitet hatte, um mit einem alten Bild den Täter ohne Klage anzuklagen … Dies alles könnte den Brief erklären, und vor allem würde es belegen, dass ihr Bruder frei, geheilt, gerettet war!

Es war heiß geworden. Der Seelenarzt schaukelte seinen bärtigen Kopf, und nur für Momente schattete wieder die Maske des routinierten Lächelns über sein Gesicht. „Ja, es könnte so gewesen sein. Vielleicht hat ihr Bruder das Tal durchschritten.“ Langsam und bedächtig sprach er es aus, denn noch eine andere Möglichkeit erschien plausibel. Was, wenn dieser wortgewandte Mensch einfach ein Szenario beschrieben hatte, das seine schizophrene Innenwelt sinnvoll mit der Wirklichkeit verbinden sollte? Was, wenn er aus diesem Grund geschickt das alte Bild, das er irgendwo gefunden haben mochte, in die Gegenwart verortete, um für sein eigenes Erleben eine Brücke in die Außenwelt zu bauen, so, wie er auch den Erzbischof zu seinem Freund erkoren hatte?

Es bliebe wohl unmöglich, diesen ungeheuren Brief richtig zu bewerten, wenn nicht nun, in diesen Augenblicken, eine alte Freundin für den Verfasser zeugte. Würde der Mann tatsächlich kommen? Und würde Diana an seiner Seite sein?

„Wollen wir ans Fenster gehen?“ Professor Holzmann hatte auf die Uhr geblickt und erhob sich nun mit Schwung aus seinem Sofa. „Von hier aus können wir die beiden sehen!“

Die junge Frau nahm ihr Wasserglas vom Tisch, um ihren Händen einen Ruhepunkt zu bieten, und folgte dem Gastgeber. Bald standen die beiden wortlos Schulter an Schulter. Ihre Erinnerungen weilten in einer fernen Zeit, als zwei Freunde krause Gedanken wälzten, und in einer unbeschwerten Kindheit, als Bruder und Schwester die pastellfarbenen Tapeten ihres Kinderzimmers eifrig mit Farbstiften bekritzelten. – 

Da kam ein Mann, der Markus ähnlich sah, und dicht an ihm tatsächlich eine Frau, von der man jedoch nicht zuverlässig sagen konnte, ob sie nun mit ihm ging oder soeben nur an ihm vorbei. In der Interpretation der Wirklichkeit ist der Wunsch vom Wahren so zu trennen wie die Spreu vom Weisen. Aber wie auch immer sich das Leben zeigte – in dieser Stunde entschied die junge Frau, dass ihre Flucht beendet war. 

Sie wollte und würde Markus wieder Schwester sein.

 

Hinweis: Dieser Text stammt aus dem Band „Lebensnähe – 12 Erzählungen von Werner Huemer“