Frau im falschen Körper

Tom Hoopers Transsexualitäts-Drama „The Danish Girl“

Dänemark in den 1920-er Jahren. Einar Wegener (Eddie Redmayne) ist ein erfolgreicher Landschaftsmaler und Illustrator, seine Frau Gerda (Alicia Vikander) nicht minder begabt. Doch ihr gelingt der künstlerische Durchbruch erst durch einen Zufall.

Als Gerdas weibliches Model eines Tages für die Fertigstellung eines Bildes nicht im Atelier erscheint, springt Einar ein und findet in der Folge schnell Gefallen an der Rolle einer Frau. Etwas in ihm bisher Verdrängtes bricht durch. Er probiert Frauenkleider, auch seine Körpersprache wird immer weiblicher. Begeistert malt Gerda weitere Bilder von ihm – und diese neuen Arbeiten, die sich um eine geheimnisvolle Frau mit androgynen Zügen ranken, der sie den Namen „Lilli“ gibt, erobern schnell den Kunstmarkt. 

Zunächst weiß niemand, dass sich Einar hinter Lilli verbirgt. Und das Künstlerpaar treibt das vermeintliche Verkleidungs- und Rollenspiel weiter. Bald trägt Einar auch in der Öffentlichkeit Frauenkleidung, bald beginnt er als Lilli eine Freundschaft mit Henrik (Ben Whishaw) – und schließlich ist nichts mehr wie früher: Einar sieht sich außerstande, seine Ehe mit Gerda in der gewohnten Form fortzusetzen. Es ist ihm klar geworden, dass er tatsächlich als Frau leben will. 

Als er dann – nach einer erfolglosen Odyssee von Arztpraxis zu Arztpraxis – von der Möglichkeit einer geschlechtsangleichenden Operation erfährt (damals ein medizinisch noch unerprobtes, lebensgefährliches Unternehmen), kennt er sein Lebensziel: Er will für immer Lilli sein …

Der britische Filmregisseur Tom Hooper (Les Miserables) führt mit seinem Drama „The Danish Girl“, unterstützt von großartigen Schauspielern (Oscar für Alicia Vikander!), in eine auch heute noch nicht ganz tabufreie Grauzone der menschlichen Sexualität. 

Sein Film basiert auf der Lebensgeschichte der dänischen Malerin Lili Elbe (1882–1931), die als Bub (Einar Andreas Wegener) zur Welt kam und sich in den Jahren 1930/31 als einer der ersten Menschen (mehrfach) operieren ließ, um ihr körperliches Geschlecht der inneren Befindlichkeit anzupassen.

Lili Elbe war mit männlichen und weiblichen Organen geboren worden – und zählte damit zu den etwa 0,1 Prozent Menschen, die auf Grund ihrer genetischen oder anatomischen Anlagen weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht eindeutig zugeordnet werden können. 

Die Medizin spricht in diesen Fällen von „Intersexualität“, während der Begriff „Transsexualität“ für Menschen zutrifft, die ebenfalls darunter leiden, „im falschen Körper gefangen“ zu sein, körperlich jedoch ein eindeutiges Geschlecht haben.

Aus Tom Hoopers Film geht nicht hervor, ob die unerträglich werdenden psychischen Probleme seines Haupt-Protagonisten auf Intersexualität oder Transsexualität zurückzuführen sind. Das ist vielleicht auch nicht wirklich von Bedeutung. Entscheidend ist – und das führt dieses Filmdrama nachdrücklich vor Augen –, dass beides zunächst einmal nichts mit der sexuellen Orientierung des betroffenen Menschen, ob er also homo- oder heterosexuell ist, zu tun hat. Es geht hier einfach um das schmerzliche Empfinden, im falschen Körper zu stecken. 

Woher solche „Geschlechtsidentitätsstörungen“ (diese medizinische Diagnose wird von Betroffenen manchmal kritisiert) rühren, bleibt im Grunde ein Rätsel. Sofern man die Seele des Menschen als eigenständige „innere Instanz“ betrachtet, könnte man formulieren, dass das seelische Geschlecht, dem das „Ich“ des Betroffenen verbunden ist, nicht dem körperlichen entspricht. Aber warum ist das so? 

Wahrscheinlich gibt es auf diese Frage keine allgemein gültige Antwort, und sicher ist die Frage nach dem Warum auch nicht wirklich wichtig. Entscheidend ist, wie immer im Leben, die Frage nach dem Wofür: Was macht der Mensch aus den Bedingungen, in die ihn das Leben gestellt hat? Wofür nutzt er sie? Was macht er aus seinem Leben?

„The Danish Girl“ sensibilisiert für ein gar nicht so seltenes Seelenleid, das in oberflächlicher Beurteilung oft völlig falsch eingeschätzt wird. Transvestitismus? Bisexualität? Homosexualität? Ein aus kreativem Übermut geborenes Rollenspiel entwickelt sich für die Protagonisten zur strapaziösen Identitätsfindung, die den Zuschauer umso berührt, je ungeschminkter die eigentlichen menschlichen Bedürfnisse zutage treten. 

Das Prädikat „besonders wertvoll“ wurde zurecht verliehen.

(2015; 120 Minuten)