Einmal Wildnis und zurück

Matt Ross’ tragikomisches Filmdrama über eine Aussteiger-Familie, die es letztlich doch (nicht) schafft.

Ben (Viggo Mortensen) lebt mit seinen sechs Kindern in den Wäldern an der Nordküste der USA, weitab jeglicher Zivilisation. Er lehrt sie Jagen, Fischen, Klettern und Selbstverteidigung. Täglich ist hartes körperliches Training angesagt, jedes Kind soll möglichst früh allein überlebensfähig sein. Auf dem Speiseplan steht vor allem das, was die Tier- und Pflanzenwelt bietet: selbst erlegte Hirsche zum Beispiel. Ein gutes Messer zählt zum Begehrenswertesten, was Bens Kinder sich wünschen.

Daneben durchlaufen die drei Mädchen und drei Jungs ein straffes Bildungsprogramm: Mehrere Sprachen, Naturwissenschaft bis hin zur Quantenphysik, Geschichte … Ben ist der Lehrer für alles. Thematische Tabus gibt es keine. Über den Tod, über Sexualität, auch über die Abgründe der christlichen Glaubenstradition wird offen gesprochen. Daneben wird musiziert, improvisiert und philosophiert.

Die Kinder kennen nichts anderes. Denn ihre Eltern haben den Verlockungen der Zivilisation („Cola? – Giftiges Wasser“) schon vor Jahren entsagt und ein radikal selbstbestimmtes Leben verwirklicht, das eigenen Regeln und Idealen folgt – alle selbstverständlich bestens begründet. Statt Weihnachten wird beispielsweise der Noam-Chomsky-Tag gefeiert, denn einem sprachbegnadeten linksintellektuellen Professor gebührt doch sicher größere Ehre als einer vermeintlich frei erfundenen religiösen Figur, in deren Gefolge sich sinnlose Kulte entwickelt haben. Und natürlich tragen alle Kinder Namen, die ihre Individualität unterstreichen – Namen, sonst möglichst niemand haben soll: Bodevan (George MacKay), Kielyr (Samantha Isler), Rellian (Nicholas Hamilton), Vespyr (Annalise Basso), Zaja (Shree Crooks), Nai (Charlie Shotwell) …

Eines Tages erhält Ben jedoch die Nachricht, dass seine Frau Leslie, die an einer bipolaren Störung gelitten hatte und deshalb in Behandlung gewesen war, sich die Pulsadern aufgeschnitten hat. Die Mutter der Kinder ist tot.

Was tun? Das Leben in der Natur aufgeben, um ihren letzten Willen zu erfüllen? Als überzeugte Buddhistin hatte Leslie verfügt, dass ihr Tod nicht zur Trauer, sondern zu einer bunten Freudensfeier Anlass geben solle, dass ihre Leiche schließlich verbrannt und die Asche einfach in einer Toilette weggespült werden solle …

Jack (Frank Langella), Leslies Vater, der Bens Aussteiger-Erziehung scharf verurteilt und ihn für das tragische Schicksal seiner Tochter mit verantwortlich macht, besteht hingegen auf einer traditionellen christlichen Trauerfeuer und einer Erdbestattung.

Was also tun? Leslies letzten Willen mit allen verfügbaren Möglichkeiten erzwingen? Auch auf die Gefahr hin, dass es zum Krieg mit dem Großvater kommt und womöglich die Behörden das Leben in der Wildnis zwangsweise beenden?

Schließlich fällen Ben und seine Kinder die Entscheidung, aufzubrechen und sich der Zivilisation zu stellen. Die Welten prallen aufeinander …

In seinem tragikomischen Drama „Captain Fantastic“ verarbeitet der US-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Matt Ross nicht nur in gekonnter Weise eigene Erfahrungen, er hinterfragt mit diesem filmischen Meisterwerk auch die Geisteshaltung des Nonkonformismus, die mit Bens Charakter ja auf die Spitze getrieben wird.

Denn wo immer das, was „alle anderen“ glauben, denken und tun, radikal in Frage gestellt und statt dessen ein neues, überzeugenderes Lebensmodell geschaffen wird, lauert die Gefahr der Banden- und Sektenbildung. Wer alte Traditionen und Konventionen über Bord wirft, füllt das dadurch womöglich entstandene Vakuum mit anderen Regeln, Konzepten und Zielen. Wem es gelingt, ausgetretene Denkpfade zu verlassen und dem „Zeitgeist“ zu entsagen, ist umso offener für neue kollektive Gedankenformen. 

Jeder Mensch sucht Halt in der Verbindung mit anderen, in einer Gesinnung oder einer Gemeinschaft, aber jeder Mensch – und der Nonkonformist natürlich ganz besonders – versteht sich auch als Individuum, sucht eigene Überzeugungen, Freiheit, Ungebundenheit.

Diese Gegenpole sinnvoll zu vereinen, zählt zu den großen geistigen Aufgaben eines Menschenlebens. Von Kind an sind wir abhängig – von den Eltern und von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen … gern abhängig, weil wir Halt suchen, sogar selbstlose Liebe zu Menschen oder Überzeugungen entwickeln möchten. Und von Kind an streben wir nach Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Freiheit. 

„Captain Fantastic“ präsentiert sich als Sinnbild dieses zu vereinenden Zwiespalts. Eine Geschichte des Ausbruchs und des Scheiterns, der Konfrontation und der Versöhnung, des Lernens und Letztlich-doch-Gelingens …

Zahlreiche Nominierungen (unter anderem die Oscar-Nominierung für Viggo Mortensen als bester Hauptdarsteller) und verdiente Auszeichnungen in vielen Ländern würdigen die überdurchschnittlichen künstlerischen Leistungen, die dieses Filmdrama bietet.

Sehenswert!

(2016, 119 Minuten)